Pick-ups mit montierten Flugabwehrraketen fegen entlang der libyschen Mittelmeerküste gen Sirte, begleitet von patriotischen Liedern und Takbir. Gelegentlich kommt es zu Schusswechseln, aber der Feind ist meist nur ein ferner Punkt am Horizont. Die vorwiegend jungen Kämpfer der Koalition Al-Bunyan al-Marsus ("Solider Bau") sind schlecht ausgerüstet, und ihre uneinheitlichen Uniformen zeugen von ihrem Hintergrund: Viele von ihnen sind "Revolutionäre" – Mitglieder der vielen bewaffneten Gruppen in Libyen – manche gar Zivilisten, die nur für den Kampf gegen den sogenannten "Islamischen Staat" (IS) die Waffen aufgenommen haben.

Vieles erinnert an die Revolution 2011, zu deren Ende die Aufständischen den früheren Machthaber Muammar al-Gaddafi und seine Gefolgschaft in Sirte eingekesselt und zuletzt am Stadtrand gefangen und umgebracht haben. Aber während das Regime damals bereits am Ende war, hat der IS noch ein gewaltiges Destruktionspotenzial.

Schätzungsweise 1.800 Kämpfer, Polizisten und Verwalter kontrollieren die IS-Hochburg in Zentral-Libyen. Sie bereiten sich seit Monaten auf den Krieg vor. Ihre Methoden sind heimtückisch: Feindliche Kräfte werden mit Selbstmordanschlägen geschwächt und eingenommene Gebiete vermint. Auch im Kampf kann der IS dank seiner modernen Waffen und überwiegend im Ausland rekrutierten Kamikazen dem Gegner bislang die Stirn bieten. Dennoch haben es die Koalitionstruppen in den vergangenen Tagen geschafft, bis zum Militärflughafen von Sirte vorzustoßen, etwa 15 Kilometer südlich der Stadt – die sie jetzt versuchen einzukreisen.

An der Front statt in Klausuren

Misrata, die wichtigste Militärmacht in Westlibyen, stellt auch die meisten Kämpfer der Koalition. Der Krieg hat auch schon viele Opfer gebracht. Laut Koalitionssprecher Mohamed al-Ghasri sind seit Beginn der Offensive Anfang Mai etwa 70 Anti-IS-Kämpfer umgekommen und mehr als 300 verletzt worden.

"Vor zehn Tagen ist einer meiner Mitstudenten an der Front gefallen. Er würde jetzt in seinen Endklausuren sitzen", sagt Mohamed Lagha. Der Telekom-Ingenieur hat gerade seinen Abschluss an der Universität in Misrata gemacht. Anstatt die Waffen zu ergreifen, engagiert er sich für die Vertriebenen und arbeitet seit Kurzem für das örtliche Büro des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK).

In Zusammenarbeit mit dem libyschen Roten Halbmond hat das IKRK seit Beginn des Jahres 18.800 Vertriebene aus Sirte in den Städten und Dörfern der Region mit Grundlebensmitteln und Haushaltsgegenständen versorgt, so Pressesprecher Ammar Ammar. Zwei Drittel der etwa 80.000 Anwohner sollen Sirte seit der Machtübernahme des IS im Februar 2015 verlassen haben, aber genaue Zahlen hat auch das IKRK nicht. Dank der landesüblichen engen Familien- und Stammesbeziehungen sind die meisten bei Verwandten in anderen Landesteilen untergekommen.

Die anderen sind abhängig vom Gutwillen der Aufnahmestädte und ihrer Bewohner. "Das größte Problem sind Unterkünfte und Zugang zu Geld", sagt Mohamed Msaimir, Mitglied des vom Stadtrat Sirte ernannten Krisenstabs. Er und seine Kollegen arbeiten von Misrata aus. Aufgrund der Liquiditätskrise, die seit mehreren Monaten die libysche Wirtschaft stilllegt, kann man hier wöchentlich nur 250 Dinar (ca. 60 Euro) abheben, wenn die Banken überhaupt öffnen, sagt er. Sowohl Msaimir als auch Lokalrat-Mitglied Makhluf Akasha loben die Hilfsorganisationen, die aus ihrer Sicht gute Arbeit leisten, im Unterschied zu den Behörden. "Der Staat hat nichts getan. Auch die Einheitsregierung hat bisher ihre Versprechungen nicht eingehalten", sagt Akasha.

Weltliche Musik und Zigaretten werden konfisziert

Die Arbeit der Helfer vom IKRK in Misrata ist gefährlich. Im April war Mohamed Lagha unter denen, die die letzten Hilfslieferungen in die Region Jufra, südlich von Sirte gebracht haben. Nur zwei Wochen später waren die Straße dorthin sowie fünf Ortschaften zwischen Sirte und Misrata unter Kontrolle des IS.

Von ihrer Hochburg aus wirkt die Terrorgruppe in einem weiten Gebiet, von den Ölfeldern Ostlibyens bis ins westlibysche Hinterland, mit Razzien und ad-hoc Straßensperren, bei denen ihre Mitglieder weltliche Musik und Zigaretten konfiszieren und Soldaten und Polizisten entführen.

Innerhalb der libyschen Gesellschaft bleibt der IS aber eine Randgruppe, denn trotz der weit verbreiteten salafistischen Gesinnung lehnt die Bevölkerung die Brutalität und totalitäre Herrschaft der Gruppe ab. In der ersten vom IS übernommenen Ortschaft Derna, Ostlibyen, kam es im vergangenen Jahr zu einem Aufstand und rivalisierende Milizen vertrieben die IS Kämpfer. Doch in Sirte verursachte der Fall Gaddafis ein Machtvakuum und erzeugte Groll gegen die Revolutionsstadt Misrata – ideale Bedingungen für den IS.