Es schien Asiens ganz eigene Flüchtlingskrise zu werden, als vor einem Jahr 5.000 Menschen in Booten nach Thailand und Malaysia zu fliehen versuchten. Die Flüchtlinge trieben im offenen Meer – kein Land wollte sie aufnehmen. Es waren muslimische Rohingya und sie kamen aus Myanmar. Dort wollten die flüchtenden Rohingya nicht bleiben, denn in Myanmar geht es ihnen nicht gut.

Ein Jahr später ist diese Flüchtlingskrise aus dem öffentlichen Fokus gerutscht und der Staat Myanmar wird weithin in einem positiven Licht gesehen. Nachdem das Land lange eine der schlimmsten Militärdiktaturen der Welt gewesen war, gewannen Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi und ihre Partei, die Nationale Liga der Demokratie, die Wahlen im November 2015. Anders als bei ihrem letzten Wahlsieg 1990 hinderte das Militär die "Lady", wie sie oft genannt wird, nicht daran, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Weltweit wird das Land für seinen Übergang von einer Militärdiktatur zu einer zivilen Demokratie gelobt. Auch wirtschaftliche Sanktionen werden seit einigen Jahren schrittweise aufgehoben, während die Militärregierung vorsichtig Reformen zuließ.

Doch am Montag veröffentlichte der UN-Kommissar für Menschenrechte Seid Raad al-Hussein einen Bericht, in dem er die burmesische Regierung für die weiterhin extrem schlechte Situation der Rohingya und anderer ethnischer Minderheiten verurteilte. Vor einem internationalen Gericht, so Seid, könnten einige der Ereignisse in Myanmar als Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen eingestuft werden. Seine Kritik beschränkt sich dabei nicht nur auf das Militär, sondern auch Aung San Suu Kyi und ihre frisch aufgestellte Regierung macht er für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich.

Eine Staatsbürgerschaft von Myanmar würde helfen

Das Ausmaß des Problems ist schwer zu fassen: In Myanmar ist den UN zufolge mehr als eine Million Menschen staatenlos, die meisten davon Rohingya. Sie haben keine Ausweisdokumente, kaum Zugang zum Gesundheits- und Bildungssystem und dürfen sich selbst innerhalb ihrer Wohnorte nicht frei bewegen. Das bedeutet auch, dass sie keine Möglichkeit haben, sich juristisch gegen Menschenrechtsverletzungen zur Wehr zu setzen – so werden viele Rohingya Opfer von sexuellen Übergriffen und Erpressung durch die Polizei, andere werden zu Zwangsarbeit gezwungen. Viele von ihnen wurden aus ihren Wohnorten vertrieben und leben dauerhaft in Flüchtlingslagern.

Hunderte Rohingya versuchen weiterhin, mit illegalen Schmugglern nach Malaysia oder Thailand zu fliehen. Wer das schafft, muss dafür horrende Preise zahlen, in den Zielländern illegal arbeiten und oft einen Teil der eigenen Familie in Myanmar zurücklassen. Aber auch gegen die Schmuggler geht die Regierung mittlerweile vor, sodass es zunehmend schwieriger für Rohingya wird, das Land zu verlassen.

Eine Staatsbürgerschaft von Myanmar würde helfen. Doch die Rohingya sind keine der offiziell anerkannten 135 ethnischen Minderheiten im Land – laut Verfassung waren sie nicht an der Staatsgründung 1948 beteiligt. In offiziellen Statistiken existieren sie einfach nicht und bei der letzten Volkszählung wurden sie nur erfasst, wenn sie sich als "Bengali" registrierten. "Es besteht kein Zweifel daran, dass die Rohingya sich als eigenständige ethnische Gruppe wahrnehmen und als solche anerkannt werden wollen", erklärt Phil Robertson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Doch für die Regierung in Myanmar sind Rohingya Einwanderer aus Bangladesch – und für Bangladesch Einwanderer aus Myanmar.

Hoffnungen, dass diese Diskriminierung unter einer demokratisch gewählten Regierung enden würde, stellen sich nun als verfrüht heraus. Aung San Suu Kyi hat den Friedensnobelpreis für ihren Einsatz für Demokratie in Myanmar bekommen, doch für ihre geringes Interesse an den ethnischen Minderheiten des Landes wird sie schon seit Jahren kritisiert: In zwei Grenzregionen ist das Militär noch in Bürgerkriege mit ethnischen Gruppen verwickelt, die mehr regionale Autonomie fordern, und die Situation der Rohingya zieht immer wieder internationale Aufmerksamkeit auf sich. Zu keiner dieser Situationen hat die Aung San Suu Kyi sich bisher entschieden geäußert – Anfang des Jahres hatte sogar der Dalai Lama sie dafür kritisiert.