Die Fanboys des "Islamischen Staats" (IS) sind beglückt: Zwei Anschläge innerhalb weniger Tage, ein Massenmord mit 49 Toten in den USA und eine tödliche Messerattacke auf einen Polizisten und seine Frau in Frankreich, das ist für sie ein Grund zum Jubeln. Beide Attentäter hatten schließlich gesagt, sie hätten im Namen des IS gehandelt. Wie schon nach den Anschlägen von Brüssel im November kursieren nun wieder martialische Photoshop-Memes in den Sozialen Netzwerken. "Orlando war erst der Anfang" heißt es da, oder auch: "Just kill one!"

Angesichts solcher menschenverachtender Reaktionen ist es umso wichtiger, besonnen zu analysieren: Was verraten die beiden Anschläge uns eigentlich über den IS?

Zunächst ist der Anschlag von Orlando ein weiterer, krasser Beleg dafür, dass es dem IS gelungen ist, mit seiner Propaganda ein mörderisches Reservoir anzuzapfen. Es besteht aus Menschen, die vermutlich mehr Persönlichkeitsmerkmale mit Amokläufern ohne extremistischen Hintergrund teilen als mit jenen islamistischen Attentätern, die wir bisher kennen.

Identitätskonflikte

Omar Mateen, der Attentäter von Orlando, scheint ideologisch wenig gefestigt gewesen zu sein. Er pries sowohl den IS als auch dessen Intimfeind, den Al-Kaida-Ableger Dschabhat al-Nusra, und darüber hinaus den gemeinsamen Feind beider Organisationen, die schiitische Hisbollah. Dahinter steht kein geschlossenes Weltbild, das ist halb verdautes Nachrichtengewitter.

Zudem gibt es massive Hinweise darauf, dass Mateen persönliche Probleme hatte und Identitätskonflikte mit sich selbst ausfocht. Mateen war offenbar sehr jähzornig und hatte eine Tendenz zur Gewalttätigkeit. Er soll außerdem selbst in dem LGBT-Club verkehrt haben, in dem er das Massaker anrichtete. Er soll auch über eine Dating-Website für Homosexuelle kommuniziert haben und zugleich angeekelt gewesen sein vom Anblick sich küssender Männer. Ein zerrissener Mensch, wenn diese Ferndiagose erlaubt ist. (Theoretisch gibt es natürlich noch die Möglichkeit, dass er den Club frequentierte, um ihn auszukundschaften. Aber das scheint eher fernliegend.) Es handelt sich jedenfalls um einen Attentäter, bei dem man durchaus die Frage stellen kann, ob er nicht womöglich hinausgeflogen wäre, hätte er sich dem IS physisch in Syrien oder im Irak angeschlossen.

Das hat er aber nicht. Mateen hat sich dem IS telefonisch angeschlossen. Beziehungsweise hat er seinen Anschluss per Notruf den amerikanischen Sicherheitsbehörden mitgeteilt. Der IS wusste mit ziemlicher Sicherheit nichts davon. Darauf deutet die absichtsvoll verklausulierte Reaktion des IS hin: Seine "Nachrichtenagentur" Amaq teilte nämlich lediglich mit, sie habe "Quellen", denen zufolge es sich bei dem Attentäter um einen "Kämpfer des IS" handle. Selbst der IS hält sich also ein Hintertürchen offen. Auch die Dschihadisten können schließlich nie wissen, wer als nächstes in ihrem Namen losschlägt.

Dennoch ist der Anschlag von Orlando für den IS ein gewaltiger Erfolg. Denn er zeigt, dass der IS durch seine Taktik Aktivierung mittels Propaganda die Front an einer entscheidenden Stelle verschieben konnte. Denn wenn nicht mehr vom IS ausgesandte und angeleitete Terroristen Anschläge begehen, sondern selbst rekrutierte labile Persönlichkeiten – ist das dann noch ein "Die gegen uns"? Oder nicht mindestens genau so sehr ein "Wir gegen uns selbst"?

Bekenntnis per Tweet

Ausgerechnet der IS selbst hat also die dschihadistische Ideologie zu einem gewissen Grad von der dschihadistischen Praxis entkoppelt. Die Idee, als selbst erklärter IS-Terrorist in Erinnerung zu bleiben, selbst wenn diese Verbindung nur durch einen Telefonanruf oder einen Tweet hergestellt wird, erscheint plötzlich als Alternative für anfällige Menschen, denen ansonsten eher Amoklauf-Szenarien vor Augen schweben dürften. Eine Schnittmenge in der Zielauswahl ist schnell hergestellt, und wenn nicht, auch nicht schlimm – so wie etwa bei dem Anschlag eines Ehepaares in San Bernardino in Kalifornien im vergangen Jahr, der sich gegen eine Feier an der Arbeitsstätte des Mannes richtete.

Auch in Paris hat, nach allem, was bisher berichtet wird, eine Ich-AG des Terrors zugeschlagen. Zwar war der Attentäter dort offenbar mit anderen Islamisten bekannt, was für Mateen einstweilen nicht sicher belegt ist. Aber auch der Messermörder von Paris scheint keine direkte Verbindung zum IS gehabt zu haben. Wozu wiederum passt, dass der IS auf genau dieselbe Weise reagierte wie auf den Anschlag von Orlando: Wieder schickte er die "Nachrichtenagentur" Amaq und ihre "Quellen" vor.

In einem Facebook-Video, das er live streamte, hat der Pariser Attentäter offenbar auf den IS-Sprecher Al-Adnani Bezug genommen, wird berichtet. Am Nachmittag veröffentliche Amaq dann auch ein Video des Attentäters, das vermutlich eine gekürzte Version seines Facebook-Streams ist. Es enthält eine Berufung auf den IS, aber keine Hinweise auf eine echte Verbindung zur Führung der Organisation.

Al-Adnani hatte erst vor Kurzem gesagt, der gerade begonnene Fastenmonat Ramadan möge ein "Monat des Leidens für die Ungläubigen" werden, "und wir richten dies insbesondere an die Soldaten und Unterstützer des Kalifats in Europa". Der Pariser Polizistenmörder ergänzt, die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich werde ein "Friedhof" werden. Hier verschwimmen die Grenzen abermals. Weiß der Attentäter etwas über geplante Anschläge des IS gegen das Fußball-Event? Oder ist die Warnung Ausdruck seiner Überzeugung, es müsse mehr Leute geben als nur ihn, die das Signal aus dem "Kalifat" aufgefangen haben?

Doppelstrategie des IS

Für den IS sind die selbst rekrutierten Attentäter in erster Linie ein Geschenk. Sie kosten nichts, sie helfen, Angst und Schrecken zu verbreiten, sie sind – wie sofort im amerikanischen Wahlkampf zu sehen war – ein geeignetes Mittel, Streit und Zwietracht in westlichen Gesellschaften zu streuen.

Aber solche Attentäter sind nicht das einzige Mittel des IS. Die Anschläge von Paris und Brüssel im vergangenen Jahr, die sich mehrenden Hinweise, dass der IS gezielt Attentäter nach Europa geschleust hat, die mittlerweile unbestrittene Erkenntnis, dass der IS eine eigene Abteilung für Anschläge im westlichen Ausland unterhält, all das belegt, dass der IS eine Doppelstrategie verfolgt: Selbstrekrutierer werden gerne gesehen und ihre Anschläge bei Gefallen auch als eigene adoptiert. Gleichzeitig plant der IS massive, umfassende Anschläge, zu denen Einzeltäter und kleine Zellen aus Amateuren nicht in der Lage sind. Großer Krater, kleiner Krater. Dieses Zusammenspiel ist das Ziel des IS.

Was bedeutet das alles nun für uns, als Beobachter, als potenziell Betroffene, aber auch als Journalisten und Berichterstatter?

Erstens: Anschläge von Selbstrekrutieren verraten uns etwas über die Macht der IS-Propaganda, aber nicht über Struktur und Organisation des IS.

Zweitens sollten wir zurückhaltend damit sein, Gewalttaten sogleich als "IS-Anschlag" zu qualifizieren, nur weil ein Attentäter dieses Wort in den Mund nimmt. Ja, wenn der IS auch sagt, es sei ein IS-Anschlag gewesen, ist es in gewisser Weise auch einer. Aber die Differenzierung ist sinnvoll, weil die beiden Anschlagsarten auf unterschiedliche Art und Weise bekämpft werden müssen. Gegen eine IS-Zelle helfen Polizei und Nachrichtendienste. Gegen Selbstrekrutierer helfen vermutlich am ehesten Hinweise aus dem sozialen Umfeld.

Zum Dritten müssen wir uns selbst fragen: Warum gelingt es dem IS, seine Ikonographie, sein Versprechen auf perversen Nachruhm und seine Gewaltfantasien wie eine Mode, eine subkulturelle Möglichkeit in unseren Gesellschaften zu etablieren?