Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei Philipp Rösler aufs Land geflohen: Das Schweizer Dörfchen Cologny liegt hoch über dem Genfer See, die niederen Gebäude, in denen er sein Büro hat, ducken sich in eine Bergwiese, als gehörten sie zum Golfclub gegenüber. Rösler selbst wirkt eher so, als sei er endlich in einer Welt angekommen, die weit genug für ihn ist: Den Reiseplan der nächsten Wochen, der Ziele von Medellín über Moskau bis Kuala Lumpur und mehr als 100.000 Flugmeilen umfasst, kann er lückenlos aufsagen. Beschwingt führt er durch die Großraumbüros, in denen Menschen aus ein paar Dutzend Nationen arbeiten. Auch der ehemalige Vizekanzler hat dort seinen Tisch in einer Ecke.

Als Vorstand für Internationales beim World Economic Forum (WEF) ist Philipp Rösler heute wichtigster Mitarbeiter nach Gründer Klaus Schwab. Das WEF ist vor allem bekannt für den Weltwirtschaftsgipfel in Davos, zu dem jedes Jahr einige Tausend Politiker und Manager anreisen, darunter viele Staatschefs und die Vorstandsvorsitzenden der globalen Konzerne. Mittlerweile aber versteht sich das WEF mit seinen 650 Mitarbeitern als Plattform, die Projekte zwischen Politikern und Unternehmen ermöglicht und an den ganz großen Weltproblemen von Armut bis Klima arbeitet.

Der promovierte Mediziner Philipp Rösler, 43, wurde in Vietnam geboren und als Säugling von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Bereits in seiner Schulzeit war er bei den Jungen Liberalen aktiv. 2009 war er im Alter von 36 Jahren jüngstes Kabinettsmitglied in der Regierung von Angela Merkel und beerbte später Guido Westerwelle als FDP-Vorsitzenden und Vizekanzler. Nach der Wahl 2013, bei der es die FDP erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik nicht in den Bundestag schaffte, trat Rösler vom Parteivorsitz zurück und gab wenig später seinen Wechsel zum WEF bekannt.

ZEIT ONLINE: Sie fliegen oft mehr als 100.000 Meilen pro Monat mit keinem geringeren Auftrag, als "den Zustand der Welt zu verbessern", so lautet der Leitspruch des World Economic Forum. Herr Rösler, wie geht es der Welt?

Philipp Rösler: Nicht so schlecht, wie viele glauben. Nehmen Sie nur die großen Entwicklungsziele zu Armut oder Kindersterblichkeit, die sich die Vereinten Nationen zu Beginn des Jahrtausends gesteckt hatten. Bei der Vollversammlung 2015 waren fast alle mindestens zur Hälfte erreicht. Es geht voran, und das motiviert mich sehr.

ZEIT ONLINE: Die Armut nimmt weltweit ab, der Analphabetismus geht zurück, die Kindersterblichkeit sinkt, die Lebenserwartung steigt, es gab noch nie so wenige Kriegsopfer. Wird alles besser, wir wollen es nur nicht sehen?

Rösler: Es gibt jedenfalls einen Unterschied zwischen der subjektiven Wahrnehmung, die durch die Medien, durch das persönliche Umfeld, durch den eigenen Horizont beeinflusst wird – und der Wirklichkeit.

ZEIT ONLINE: Ihr Jahrestreffen in Davos vermittelt allerdings auch eher den Eindruck, als sei der Termin für den Weltuntergang schon in die Kalender der dort tagenden Vorstandsvorsitzenden und Staatschefs eingetragen. Dieses Mal sprachen sie etwa über den Kollaps Europas nach einem Brexit, über die Spekulationsblase in China, die die gesamte Welt an den Abgrund führen könnte, einen möglichen US-Präsidenten Trump, der dasselbe mit den USA bewirken mag, über den Klimawandel, den erstarkenden Terror, die wachsende Ungleichheit in der Welt. Ein neues WEF-Szenario hält eine Milliarde migrierender Menschen für möglich. Pflegen Sie nicht selbst eine ziemlich apokalyptische Weltsicht?

Rösler: Wir kommen in Davos ja zusammen, um Probleme zu identifizieren und sie dann zu lösen, simples Beklagen hilft nicht. Aber allein die Tatsache, dass beim WEF darüber gesprochen wird, ist sehr hilfreich, auch wenn es manchmal Jahre braucht, bis man etwas verändert. Nehmen Sie die Flüchtlinge, die in diesem Jahr einen wichtigen Teil der Agenda einnahmen. Das scheint viele überrascht zu haben, dabei haben wir davor lange gewarnt und darüber diskutiert, es hat aber die meisten Politiker nicht interessiert, übrigens auch die Medien nicht. In diesem Jahr hatten wir damit erstmals weltweite Aufmerksamkeit.

Schlichte Umverteilung ist nicht originell, das ist ein klassischer Reflex.

ZEIT ONLINE: Globale Aufmerksamkeit hat hingegen seit Jahren die Antiarmutsorganisation Oxfam, die immer pünktlich zum Weltwirtschaftsgipfel neue Zahlen zur wachsenden Ungleichheit veröffentlicht. Sie zeigen stets denselben Trend: Immer weniger Menschen besitzen immer mehr. Das WEF steht einerseits wie keine andere Institution für dieses obere Promill des Planeten und hat andererseits die wachsende Ungleichheit selbst als eines der großen globalen Risiken identifiziert – wäre es da nicht originell, wenn Sie sich aktiv für Umverteilung einsetzen würden?

Rösler: Schlichte Umverteilung ist nicht originell, das ist ein klassischer Reflex. Es gibt Ungleichheit, und sie nimmt zu, und deswegen müssen wir umso mehr an sozialer Inklusion arbeiten. Gerade da sind wir mit konkreten Projekten am erfolgreichsten. In Afrika etwa haben wir neun Millionen Kleinbauern in nachhaltiger Landwirtschaft geschult, dafür haben wir rund zehn Milliarden Dollar für die nächsten vier Jahre gesammelt; nun sind wir wegen des großen Erfolgs damit nach Asien gegangen, dort haben wir bereits weitere zweieinhalb Millionen Kleinbauern erreicht. Das Forum hat sich über die Jahrzehnte gewandelt und möchte nicht nur diskutieren, sondern auch etwas tun. Die Geschäftsführerin von Oxfam, Winnie Byanyima, war 2015 sogar Co-Vorsitzende des Forums.

Wir wollen nicht die Welt regieren, sondern eine unparteiische Plattform für diejenigen bieten, die etwas verbessern wollen.

ZEIT ONLINE: Das WEF scheint daran zu arbeiten, sich von seinem Image einer Geheimloge, eines Zigarrenclubs wichtiger alter Männer zu lösen. Was tun Sie noch dafür?

Rösler: Der Schlüssel ist Transparenz. Bei G 20 und G 7 etwa gibt es nach wie vor Demonstrationen, die gibt es in Davos schon seit zehn Jahren nicht mehr. Und zwar, weil wir uns geöffnet haben. Wenn Sie vor verschlossenen Türen stehen, können Sie gut ihre Verschwörungstheorien pflegen. Wir haben aber nichts zu verbergen und verbergen auch nichts. Jeder ist eingeladen, dabei zu sein. Jede Session wird heute live gestreamt. Und wir veranstalten parallel das Open Forum …

ZEIT ONLINE: … in der Turnhalle einer Davoser Mittelschule …

Rösler: … an dem jeder teilnehmen kann. Sie brauchen kein Forum-Badge, Sie müssen nicht bezahlen, Sie können einfach rein. Wir haben zu allen gesagt, wir diskutieren hier gern mit euch. Und nun sind Oxfam, Attac und alle dabei. Wir wollen nicht die Welt regieren, sondern eine unparteiische Plattform für diejenigen bieten, die etwas verbessern wollen.

ZEIT ONLINE: In der Flüchtlingsfrage war Ihre Plattform gar nicht so unparteiisch, wie sie immer tut. Viele Projekte sind durch Sie entstanden, Unternehmer und Politiker haben sich, angetrieben durch das Forum, engagiert – während etwa Europa sich schwertut, einen gemeinsamen Weg zu finden. In diesem Fall sind Sie plötzlich eine Art bessere Weltregierung.

Die Entwicklungshilfe der letzten Jahrzehnte bestand darin, dass reiche Staaten den armen Regionen Geld gaben. Das hat nicht dauerhaft geholfen.

Rösler: Wir haben nicht nach bürokratischen Lösungen gesucht, sondern uns gefragt, wie die Wirtschaft der Politik ganz konkret helfen kann. So haben wir private Gelder gesammelt, um den etwa eine Million Kindern in Flüchtlingsheimen Bildung vor Ort zu ermöglichen. Ein Kind zu, wie das heißt, beschulen kostet etwa 500 Dollar pro Jahr, Sie brauchen also etwa 500 Millionen. Wenn Menschen wissen, dass ihre Kinder eine gute Bildung erhalten, gibt es weniger Druck, wegzugehen. Wir haben mit der Regierung des Libanon zusammengearbeitet, der deutschen Bundesregierung, der norwegischen, der schwedischen. Oder nehmen Sie Unternehmer wie Hamdi Ulukaya …

ZEIT ONLINE: … einen aus dem Libanon stammenden amerikanischen Joghurt-Milliardär, der in Davos mehrfach auftrat …

Rösler: … der sagt, ich habe ein Vermögen gemacht, es wird Zeit, etwas zurückzugeben. Er hat nicht nur mit der Hälfte seines Vermögens eine Stiftung gegründet, sondern zunächst bei sich im Unternehmen viele Flüchtlinge eingestellt. So sieht eine unternehmerische Lösung aus, das ist nun Vorbild für viele.

Die Entwicklungshilfe der vergangenen Jahrzehnte bestand darin, dass reiche Staaten den armen Regionen Geld gaben. Das hat nicht dauerhaft geholfen, und wenn man sich die Größe zukünftiger Flüchtlingsströme vor Augen führt, wird es erst recht nicht helfen. Es ist schön, zu sehen, dass viele Unternehmer sich des Themas nun annehmen, und wir ermöglichen ihnen solch ein Engagement.

In Davos gab es etwa den Refugee-Run, wo Sie für eine halbe Stunde in die Rolle eines Flüchtlings schlüpfen können. Da konnten Sie all die globalen CEOs sehen, die sonst kaum aus ihren Büros in Paris oder London rauskommen, die mit erhobenen Händen abgeführt wurden, die dann plötzlich verstanden, wie es ist, wenn die Essensausgabe kontrolliert wird, wenn es Streit ums Wasser gibt. Einige hatten Tränen in den Augen.

Die Mittelschicht hat oft Angst vor Abstieg oder Veränderung. Je größer die Mittelschicht, desto größer auch die Angst.

ZEIT ONLINE: Rechnen Sie wirklich mit einer Milliarde Menschen, die sich in Bewegung setzen könnten? Denken wir immer noch zu klein für das, was da kommt?

Rösler: Ja, viele sehen bis heute den vollen Umfang nicht. Ungewollte Migrationsbewegung gibt es seit Jahrzehnten. Über Generationen gibt es Flüchtlingscamps in Palästina. Aber nur ein kleiner Teil der Menschen wird in Zukunft aus politischen Gründen unterwegs sein. Viele werden wegen der fallenden Rohstoffpreise fliehen, die ganze Länder destabilisieren, und wegen der immer stärker spürbaren Klimaveränderungen. Für viele Kleinbauern, mit denen wir sprechen, ist Wassermangel ein ernstes und wachsendes Problem.

ZEIT ONLINE: Verstehen Sie da die Zurückhaltung europäischer Länder beim Thema Flüchtlinge?

Rösler: Sie haben schon erkannt, dass man etwas vor Ort machen muss – anders als in den vergangenen Jahrzehnten. Aber Politiker sind Politiker. Sie wollen gewählt werden. Die Mittelschicht hat oft Angst vor Abstieg oder Veränderung. Je größer die Mittelschicht, desto größer auch die Angst.

ZEIT ONLINE: War es ein Fehler Deutschlands, die Arme zu Anfang so weit zu öffnen?