Was macht einen Türken zu einem Türken? Nach den bisherigen Gesetzen der Türkei war es der Pass. Nun hat Präsident Recep Tayyip Erdoğan noch "reines Blut" als Bestimmungsmerkmal eingeführt. Nach der Armenien-Resolution des Bundestages fragte er, "was das für Türken seien", die dafür gestimmt haben. "Ihr Blut muss in einem Labortest untersucht werden." Und wenig später ließ er noch wissen, dass das Blut der türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten "verdorben" sei.

Erdoğan erlaubt seinen Zuhörern hier einen tiefen Blick in sein Nationsverständnis. Es führt zurück in die völkisch grundierte Vorstellung nicht weniger europäischer Länder vor 100 Jahren. Vor allem in Deutschland musste Blut zur Definition dessen herhalten, was ein Deutscher sei. Und von "verdorbenem Blut" war früher in Deutschland auch öfter die Rede. Die Deutschen pflegten Variationen des ius sanguinis bis zum Jahr 2000, als ein neues Staatsbürgerschaftsrecht es ermöglichte, nach einer bestimmten Zeit Deutscher zu werden, weil man in Deutschland lebt und arbeitet. Viele Türkischstämmige in Deutschland haben davon profitiert.

In der Türkei dagegen gilt nach der Verfassung bis heute eine Form des Blutsrechts, um zu definieren, was ein Türke ist. Doch Erdoğan geht weiter und spricht von gutem und verdorbenem Blut. Guten Türken und verdorbenen Türken. Hier entsteht ein Riesenproblem für die Türkei und für Deutschland zugleich.

Reines Blut, reine Bewunderung

Zu Hause sortiert Erdoğan schon längst in gute und schlechte Türken. Die Guten, das sind die mit reinem Blut und reiner Bewunderung für ihren Präsidenten, die sind loyal bis ins Mark. Die schlechten, das sind die Opposition, die ewigen Kritteler in den Medien und der Wissenschaft. Schlecht sind auch alle unsicheren Kantonisten von Herkunft und Glauben. Die Kurden zum Beispiel, die sich nicht Erdoğans Partei AKP anschließen mögen oder gar gegen die türkischen Sicherheitskräfte kämpfen. Die Aleviten, die auf ihre Rechte in einer sunnitisch dominierten Türkei pochen.

Erdoğans neuer Blutsbegriff vom wahren Türken spaltet Anatolien, die Heimat von vielen Völkern und Ethnien unter dem Dach der türkischen Nation. Er schafft ein Feindbild, das dieses Land zu zerreißen droht. Davon erzählen die Bilder der zerstörten Innenstädte in der Osttürkei.

Doch damit nicht genug. Erdoğan hat schon vor Jahren besonderes Interesse an den Türken jenseits seines Landes gezeigt. Schon 2010 gründete er eine Präsidialbehörde für "Auslandstürken und verwandte Gruppen". Sie belegt ein ganzes Hochhaus in Ankara. Dort beschäftigt man sich den ganzen Tag mit Türken in Deutschland, Zentralasien und anderswo. Dazu kommt die Religionsbehörde des Präsidenten, die die Moscheen in Deutschland mit Imamen beschickt. Und dann kam Erdoğan ja auch schon mal in Köln vorbei, um Türkischstämmige vor Assimilation zu warnen.

Stimmvieh für die AKP

Die Blutstheorie zeigt nun, wie er auf die Türken und Türkischstämmigen in Deutschland schaut. Er begreift sie als seine eigenen Türken, als Stimmvieh für die AKP. Und wenn Türkischstämmige in den deutschen Bundestag einziehen, dann sollen sie keine Deutschen sein, sondern Blutstürken, die Entscheidungen wie die über die Völkermordsresolution im Bundestag verhindern. Tun sie das nicht, begehen sie Verrat an der nationalen Sache. Sie sind "verdorben".

Erdoğans Worte haben viele Deutschtürken entsetzt. Der Vorsitzende der deutschtürkischen Gemeinde Gökay Sofuoğlu protestierte heftig, die Bundestagsabgeordneten auch. Aber Erdoğan bekommt auch hierzulande reichlich Unterstützung. Viele Türkischstämmige in Deutschland haben ihn gewählt. Und ein paar ganz Hyperloyale – oder Kriminelle – schickten in der Erregung sogar Morddrohungen gegen Bundestagsabgeordnete.

Erdoğans Blutmetapher hat aus der Bundesregierung nur eine dürre Replik erhalten. "Nicht nachvollziehbar", sagte Angela Merkel. Generell ist es richtig, nicht auf Erdoğans Provokationen zu reagieren – und die Erregungseskalation nicht mitzumachen. Merkel beherrscht die taktische Untertemperiertheit. Aber als Reaktion auf Erdoğans Attacke auf deutsche Staatsbürger, auf Merkels Türken, war das viel zu schwach.