Russlands Verhältnis zu Europa hat sich mit dem Beginn der Ukraine-Krise massiv verschlechtert. Seither sucht Moskau verstärkt die Nähe Asiens. Gerade erst kündigte der russische Außenminister Lawrow auf einer hochrangigen Konferenz des Russian International Affairs Council in Moskau an, das Handelsvolumen zwischen China und Russland innerhalb der nächsten vier Jahre auf 200 Milliarden US-Dollar zu verdoppeln und die Kooperation der regionalen Entwicklungsbanken zu stärken. Diesen Monat will Präsident Putin nach Peking reisen. Die veränderte Strategie sehen viele Beobachter als ökonomischen Fehlschlag, wie beispielsweise Alexander Gabuev von Carnegie Moskau. Oder auch die China-Forscher des Berliner Thinktanks Merics, die dieser Analyse zustimmen und Europa empfehlen, Nutzen daraus zu schlagen und China enger an Europa zu binden, um den Druck auf Russland zu erhöhen.

Wie auch immer man den wirtschaftlichen Erfolg der neuen Asien-Strategie bewertet, zwei Aspekte sind kaum strittig: Erstens ist es jenseits aller diplomatischen Verwerfungen mit dem Westen für Russland sinnvoll, den ökonomisch dynamischen asiatischen Nachbarn größere Aufmerksamkeit zu schenken und seine Exportstrategien zu diversifizieren. Zweitens hat der diplomatische Schachzug zumindest kurzfristig funktioniert – wie der russische Wissenschaftler Anton Tsvetov vom Moskauer Riac trefflich formulierte: Allein die Tatsache, dass so viel über die vermeintliche Allianz zwischen China und Russland diskutiert wird, ist ein politischer Erfolg gegenüber der Isolationsstrategie des Westens. Zudem wünschen sich laut einer jüngst erschienen repräsentativen Umfrage 61 Prozent der Russen mehr außenpolitische Zusammenarbeit mit China.

Weniger häufig wird derzeit allerdings über die Folgen für China diskutiert. In letzter Zeit war Peking Profiteur der sicherheitspolitischen Gemengelage und konnte im Windschatten der Ukraine-, Syrien- und Flüchtlingskrise seine Wirtschaftsbeziehungen ausbauen. Zunehmend findet es sich allerdings in einer ungewohnt unvorteilhaften Situation zwischen den Stühlen wieder.

Pekings Plan B

Einerseits bietet die neue Kraft der russisch-chinesischen "Allianz" Vorteile: russische Zugeständnisse beim Mega-Gasdeal, russische Unterstützung für das Seidenstraßenprojekt, dem Moskau noch vor der Krim-Krise mit Zurückhaltung begegnete. Kürzlich gelang es der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua sogar, ein Statement des russischen Außenministers Lawrow kreativ zu nutzen, um Chinas Position im Territorialstreit im Südchinesischen Meer zu stützen.

Andererseits will sich die chinesische Führung nicht zu sehr im russischen Camp verorten. Zu zentral sind gute Beziehungen zum wichtigen Markt in Europa. Denn die russische Wirtschaft krankt nicht erst seit 2014. Wachstumsraten sinken, destabilisierende Verteilungsdebatten können für politische Unruhe sorgen. Diese Probleme kennt die chinesische Führung nur zu gut aus eigener Erfahrung. Auch Chinas wirtschaftliche Situation wird inzwischen mehr denn je hinterfragt. Beide Staaten befinden sich in einer komplexen ökonomischen Lage. Ihre Volkswirtschaften stehen vor immensen Strukturproblemen: Modernisierung der Staatsunternehmen, Korruption, Innovationspotenzial – um nur einige zu nennen. Sie können sich keine Schwäche leisten und sehnen sich nach Befreiungsschlägen.

Um diese strukturellen Defizite zu bekämpfen oder zumindest ihre Folgen abzumildern, so denn aus Gründen des Machterhalts der jeweiligen Führungseliten ein Umbau nicht möglich ist, haben sowohl Russland als auch China geo-ökonomische Großstrategien für den Eurasischen Kontinent vorgelegt. Und auch wenn Moskau und Peking die komplementäre Logik betonen: die Seidenstraßen-Initiative Chinas konkurriert faktisch um die Einflusssphäre Russlands in Eurasien.