Vier schwere Langstreckenbomber starten auf einem Flugplatz im Südwesten Russlands. Vier mächtige Doppelpropellertriebwerke treiben jedes Flugzeug an. Im Kriegsfall sollen sie Atombomben weit in das Gebiet des Gegners tragen, doch zu jenem friedlichen Zeitpunkt vor einem Jahr brechen sie weit in Richtung Westen auf. Die Maschinen vom Typ Tu-95H fliegen zunächst zum Eismeer, werden dort in der Luft betankt. Danach drehen zwei der Bomber nach Südwesten ab und fliegen über die Nordsee – in den Bereitschaftsraum der Nato-Flugabwehr. Von "nuklearen Drohgebärden" sprechen später Vertreter der Nato. Mitglieder des Bündnisses treffen sich zu einer Krisensitzung. Thema ist nicht nur die russische Provokation, sondern auch der Test eines neuen russischen Marschflugkörpers, der mit Nuklearsprengköpfen bestückt werden kann.

Die Nato sorgt sich wegen russischer Atomwaffen? Das klingt nach einem neuen Kalten Krieg. Doch auch renommierte Friedensforscher warnen vor einer nuklearen Aufrüstung. So berichtet nun das schwedische Institut Sipri aus Stockholm, dass allein die Vereinigten Staaten in den nächsten 30 Jahren fast eine Billion Dollar für ihr Nukleararsenal ausgeben wollen.

Dabei ist es nicht einmal sieben Jahre her, dass US-Präsident Barack Obama in Prag für eine Welt ohne Atomwaffen warb. Er hielt im April 2009 eine große Rede, die Furore machte: "Die Existenz Tausender von Atomwaffen ist das gefährlichste Erbe des Kalten Krieges", sagte Obama damals. "Und Tausende von diesen Waffen existieren weiter. Es ist eine seltsame Wendung der Geschichte: Die Gefahr eines weltweiten Atomkriegs hat sich verringert, das Risiko eines atomaren Angriffs ist gestiegen. Mehrere Nationen haben solche Waffen entwickelt, die Tests gehen weiter, der Handel auf dem Schwarzmarkt mit spaltbarem Material blüht. Die Technologie zum Bau einer Bombe wurde verbreitet."

Obama versprach, dass sein Land konkrete Schritte einleiten werde, um die Zahl der Atomwaffen zu reduzieren. Was ist seitdem passiert?

"Nicht viel", sagen diejenigen, die dem US-Präsidenten wohlgesonnen sind. "Absolut nichts", sagen seine Kritiker und geben dem "Anführer der westlichen Welt" daran eine große Mitschuld. Fest steht: Die Zahl der Atomwaffen sinkt nur minimal, einige Nuklearstaaten entwickeln noch tödlichere Sprengkörper, und die Supermächte modernisieren ihre Arsenale. Das zeigen die nun veröffentlichten Zahlen von Sipri.

Zu Beginn dieses Jahres verfügen neun Staaten über Atomwaffen: die USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea. Dem Iran wird zudem immer wieder vorgeworfen, ein eigenes Kernwaffenprogramm weit vorangebracht zu haben. Alle Länder zusammen haben 15.395 Nuklearsprengköpfe, im Vorjahr wurden noch 15.850 von Sipri gezählt. Im Vergleich zum Höhepunkt des Kalten Krieges, als es noch rund 70.000 Nuklearsprengköpfe gab, klingt dieser Rückgang deutlich. Doch noch immer reicht das vorhandene Arsenal aus, die Welt zu vernichten. Und einige Länder arbeiten daran, die Nukleartechnik immer tödlicher zu machen. Kein Atomstaat ist bereit, auf seine Massenvernichtungsmittel zu verzichten – auch die USA unter Obama nicht.

Asien rüstet auf

Im Gegenteil: In Asien rüsten gleich mehrere Staaten atomar auf. Nordkoreas Nuklearprogramm besorgt die ganze Welt. Und auch China, seit 1964 im Besitz von Kernwaffen, modernisiert sein Arsenal. Da die USA angekündigt haben, zahlreiche neue Atomwaffen anzuschaffen und alte Sprengköpfe zu modernisieren, dürfte auch die Regierung in Peking für ihre Streitkräfte gewaltige Beträge bereitstellen. Zudem sieht China in Indien einen regionalen Herausforderer. Indien selbst verfügt seit 1974 über zahlreiche Nuklearwaffen. Die Regierung in Neu-Delhi sieht nicht nur in China eine mögliche Gefahr für die eigene Sicherheit, sondern fühlt sich vor allem von Pakistan bedroht. Beide Staaten führten bereits vier Kriege gegeneinander. 1998 machten beide Länder einen Nukleartest, der die letzten Zweifel an ihrem Status als Atommacht beendete. Seitdem rüsten beide offen gegeneinander auf.

Obwohl in Asien die Arsenale wachsen, kontrollieren die USA und Russland immer noch 93 Prozent aller Atomwaffen. Sie hatten sich vor sechs Jahren auf den New Start Treaty geeinigt. Mit dem Vertrag sollte die Zahl der strategischen Sprengköpfe weiter sinken. Keiner der beiden Staaten habe seither signifikante Fortschritte beim Abbau der Nuklearwaffen gemacht, stellt Sipri fest. Stattdessen betrieben die USA und Russland ausgedehnte und teure Modernisierungsprogramme für ihre Sprengköpfe, Raketen und Produktionsanlagen. Die USA wollen bis 2024 noch fast 350 Milliarden Dollar in ihre Kernwaffen investieren.

USA modernisieren Atomwaffen, Russland reagiert

Damit modernisieren die Vereinigten Staaten ihre alten Atomwaffen, etwa die B61-Freifallbomben. Nach der Überarbeitung sollen diese B61-12 heißen und zielgenauer sein als die Vorgänger. Dazu entwickeln die US-Streitkräfte eine neue Generation von Interkontinentalraketen. Sie dürfte bis 2028 die alten Minuteman III ablösen. Zudem arbeiten amerikanische Rüstungskonzerne an einem neuen Atom-U-Boot-Typ, der bis 2031 in Dienst gestellt werden soll und Nuklearmarschkörper an Bord haben wird. Auch ein neuer Langstreckenbomber, die B-21, soll bis spätestens 2014 die Flotte ergänzen. Eine neue Cruise Missile, eine Langstreckenrakete, ist in Planung.

"Der ehrgeizige US-Modernisierungsplan, den Obamas Administration präsentierte, steht im starken Kontrast zur Rede des Präsidenten zum Reduzieren der Nuklearwaffen und deren Rolle in der nationalen Sicherheitsstrategie der USA", sagt Hans Kristensen, Mitautor des Sipri-Jahrbuchs. Eine Welt ohne Atomwaffen scheint momentan so weit weg wie seit dem Ende des Kalten Kriegs nicht mehr. Auch weil sich Russland durch die modernisierten amerikanischen Atomwaffen unter Zugzwang fühlt: Die Regierung in Moskau beunruhigt vor allem die neue Raketenabwehr der Nato, die in Osteuropa installiert wird – jüngst in Rumänien, demnächst in Polen. Russland begreift das als Provokation.

Und nun spielt die Regierung in Moskau wieder die nukleare Karte. "Mit den Überflügen seiner Nuklearbomber und simulierten Kernwaffeneinsätzen gegen Schweden und Polen markiert es seine vermeintlichen Einflusssphären und sendet eindeutige Drohsignale an die Nato", stellt Karl-Heinz Kamp, Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fest. Er spricht von einem dritten Nuklearzeitalter, das mit den neuen Spannungen zwischen Ost und West begonnen habe. Das Versprechen von Barack Obama, die Welt sicherer zu machen, die Zahl der Atomwaffen zu reduzieren, bleibt unerfüllt.