Briten lieben in der Upperclass angesiedelte Dramen, Brideshead Revisited von Evelyn Waugh, P. G. Wodehouses Jeeves und Bertie-Romane, eine Mischung aus Oxford, Arroganz und intellektueller Rücksichtslosigkeit, solange die mit Humor und Selbstironie gewürzt ist.

Boris Johnson, dessen scheinbar unaufhaltsamer Aufstieg zum Premierminister gestern so abrupt stoppte wie ein Zug, in dem jemand die Notbremse gezogen hat, ist das Inbild solch eines hochgebildeten Dussels der Oberschicht. Am liebsten tritt er im Fernsehen auf, macht himmelschreiende Bemerkungen und reißt empörende Witze. Sein blonder, scheinbar zerzauster Wuschelkopf und seine ausgeleierten Anzüge spiegeln eine Uneitelkeit vor, die weiten Anklang findet. Zwei Mal wählten die Londoner ihn zu ihrem Bürgermeister.

Als Bürgermeister radelte er meistens durch die Stadt. Er schaffte die von seinem Vorgänger eingeführten "kontinentaleuropäischen" Gelenkbusse wieder ab, weil sie zu viele Radler aus dem Sattel hoben, und ersetzte sie durch traditionelle Doppeldeckerbusse. Sonst passierte nicht viel. Der Guardian beschrieb seine politische Arbeitsweise so: "Sein Detailwissen beschränkt sich auf ein Minimum, seine Aufmerksamkeitsspanne ist kürzer als die eines Fünfjährigen, und wenn es ihm langweilig wird, fängt er an zu quatschen, bis ihm etwas einfällt, das er amüsant findet."

Das surreale Glück geschasst zu werden

Seit einem Jahr gehört er dem Unterhaus an. Einmal vernahm ihn der Vorsitzende des Finanzausschusses, Andrew Tyrie, zu Behauptungen, die er über die EU gemacht hatte. Als Tyrie, ebenfalls ein Tory, ihn nach einem angeblich von Brüssel verordneten Gesetz fragte, dass Kinder unter acht Jahren keine Luftballons aufblasen dürften, antwortete er: "Bei mir zu Hause dürfen nur Kinder unter acht Jahren Luftballons aufblasen."

Boris Johnson hat eine unnachahmliche Gabe, sich mit Charme und Unschuldsgehabe aus jeder zwicklichen Lage herauszubramarbasieren. Bei Tyrie kam er damit nicht an. Nach zwei Stunden Fragerei wurde es Johnson zu bunt. Er beschwerte sich. Tyrie entgegnete kalt, das sei seine eigene Schuld, er schweife ständig vom Thema ab. Dann holte Tyrie zum Schlag aus: "Was Sie uns da erzählen, ist ja alles sehr interessant, Boris, außer dass nichts davon stimmt, nicht wahr?"

Das war im März. Johnson ließ sich deswegen keineswegs davon abbringen, seinem Hang, die Realität entsprechend seinen persönlichen Wünschen zurechtzubiegen, immer weiter nachzugeben. Jeder kannte diese Charaktereigenschaft. 2004, damals saß er schon einmal im Parlament, feuerte ihn seine Fraktion wegen einer krassen öffentlichen Lüge als Oppositionssprecher für Kunst und Kultur. Daraufhin veröffentlichte er im Daily Telegraph eine Kolumne über das "surreale" und gleichzeitig befreiende Glück, geschasst zu werden.

Boris ist kein EU-Skeptiker

Er hatte seine Karriere als Journalist begonnen. Die Times feuerte ihn sehr bald wegen eines erfundenen und einem Oxford-Professor in den Mund geschobenen Zitates. Sein nächster Arbeitgeber, der Telegraph, schickte ihn nach Brüssel. Dort amüsierte er sich, indem er Geschichten über Normgrößen für Kondome und Auseinandersetzungen über Käsepolitik erfand, die ihm durch ihre Popularität in eurofeindlichen Kreisen "ein bizarres Machtgefühl" vermittelten, wie er ohne Zögern selbst zugab. "Ich schmiss Steine über den Gartenzaun und wartete auf das phantastische Klirren, das sie verursachten, wenn sie in England in ein Gewächshaus einschlugen."

Wäre der Brexit auch ohne Boris Johnsons Lügen zustande gekommen? Euroskepsis ist tief verwurzelt im britischen Denken. Euroskepsis – das zumindest meine ich – war einer der wichtigsten Beiträge Großbritanniens zur EU. Man braucht immer Skeptiker, Querdenker und intellektuelle Aufrührer.

Hilfloses Rudern nach Auswegen

Johnson ist kein Skeptiker. Er ist ein egozentrischer Clown, der die britische Tugend der Bedachtsamkeit schamlos für seine Zwecke ausweidete. Vielleicht war sein Eintreten für den Brexit – er entschloss sich dazu erst vor drei Monaten – für ihn auch nur wieder ein großer Jux, der Streich eines nie wirklich erwachsen gewordenen Lausbuben der Oberschicht. Doch als er mit den vermutlich für ihn selbst fast unverhofften Konsequenzen seines Tuns konfrontiert war, wusste er nicht mehr weiter. Die letzte seiner wöchentlich im Telegraph erscheinenden, mit mehreren Hunderttausend Pfund pro Jahr vergüteten Kolumnen war ein hilfloses Rudern nach Auswegen.

Der Charme wirkte nicht mehr. Das Land drohte in politischem Chaos zu versinken. Es waren die Granden der konservativen Partei, die die Notbremse zogen, das alte Establishment. Leute wie Michael Hesseltine und Kenneth Clarke, die seit Jahrzehnten mal als Minister und jetzt, in fortgeschrittenen Jahren, aus dem Hintergrund in einer letzten großen Kraftanstrengung Vernunft und Common Sense zum Durchbruch zu verhelfen suchen.

Hesseltine nahm kein Blatt vor den Mund. Boris, erklärte er der BBC, habe die Partei entzweit, das Land in eine tiefe Verfassungskrise gestürzt und Milliardenwerte des nationalen Reichtums zerstört. Er erinnere ihn an einen General, der seine Truppen ins Gefecht führe und beim ersten Getöse der Kanonen flieht. "Ich habe nie ein annährend verachtungswürdiges und verantwortungsloses Verhalten erlebt."

Das Land muss mit den Folgen leben. Aber man kann auch dem Land die Verantwortung nicht absprechen. Zu lange hat es Boris Johnson seine Extratouren nachgesehen wie eine Mutter ihrem verwöhnten Lieblingssohn.