Zwei Wochen nach dem Brexit-Referendum stolpert Großbritannien weiter führungslos durch die neue Realität, die das Nein der Briten zur EU geschaffen hat. Einen Plan für die Zeit nach dem Brexit gibt es noch nicht mal ansatzweise. Doch einer ist wirklich zufrieden: Rupert Murdoch.

Der 85-jährige, dem in Großbritannien unter anderem die Boulevardzeitung The Sun und die konservative Times gehören, verglich vor wenigen Tagen den Austritt des Landes aus der EU mit einem "Gefängnisausbruch": "Wir haben (...) eine bedeutsame Entscheidung getroffen", sagte Murdoch, der 1985 seinen australischen Pass gegen einen US-amerikanischen eingetauscht hat. "Das war ein bisschen wie ein Gefängnisausbruch: Wir sind draußen!" Er sei "aufgeregt" über den Brexit und über die "Möglichkeiten", die sich nun bieten würden.

Wenn jemand wie Murdoch über "Möglichkeiten" spricht, dauert es oft nicht lange, bis es zu Übernahmen kommt. Und siehe da: Erst vor wenigen Tagen hat Murdochs NewsCorporation den Kauf des Radioanbieters Wireless Group für 220 Millionen Pfund bekannt gegeben. Einige Medien spekulieren bereits, dass Murdoch die niedrigen Börsenkurse, die das Ergebnis des Referendums sind, dazu nutzen könnte, sein Imperium auszubauen. So könnte er die Mehrheit am Pay-TV-Anbieter Sky übernehmen, von dem ihm derzeit nur 39 Prozent gehören.

Die Queen war "not amused"

Normalerweise hält sich Murdoch mit seinen erzkonservativen Ansichten persönlich nur selten zurück. Donald Trumps Kandidatur für das Amt des US-Präsidenten etwa unterstützt er offen. Doch im Vorfeld des Referendums war es auf Murdochs Twitter-Konto erstaunlich ruhig. Dafür hat sich sein Boulevardblatt The Sun (Auflage: rund 1,7 Millionen) deutlich für den Brexit ausgesprochen. Bereits im März fing sich das Revolverblatt eine Rüge der Medienaufsicht wegen der – quer über die Titelseite herausposaunten – Behauptung ein, die Queen unterstütze den Brexit.

Zu Recht: Die reißerische Titelgeschichte basierte auf einer angeblichen Äußerung der Monarchin aus dem Jahr 2011. Im gesamten Text fand sich kein einziger Beleg dafür. Die Queen war not amused und der Palast legte erfolgreich Beschwerde ein.

Am 23. Juni, dem Tag des Referendums, titelte die Sun: "Independence Day: Sie können heute Großbritannien aus den Klauen der EU befreien". Das Titelbild – die Zeichnung einer Erdkugel, über der (seltsamer Weise im Norden) die Sonne aufgeht – erinnerte stark an das Plakat des gleichnamigen Hollywood-Films. Dessen zweiter Teil lief nur einen Tag später an. Was die Zeitung verschwieg: In Independence Day 2: Wiederkehr wird London bei der Landung eines gigantischen Alien-Raumschiffs vollkommen zerstört.

Doch nicht nur die Sun hat einseitig und zugunsten eines Brexit berichtet. Bereits einen Monat vor dem Referendum kam das Reuters Institute for the Study of Journalism der Universität Oxford in einer Studie zu dem Schluss, dass die Zeitungen des Landes schon früh auffällig stark zugunsten eines Brexit berichtet haben.

Von 928 untersuchten Artikeln aus den ersten beiden Monaten, nachdem Premierminister David Cameron im Februar das Referendum ausgerufen hat, sprachen sich demnach 45 Prozent für ein Verlassen der EU aus, nur 27 Prozent riefen zum Verbleib auf. 19 Prozent wurden als "gemischt oder unentschlossen" eingestuft, in nur neun Prozent nahmen die Autoren keine Haltung ein. Die Boulevardblätter Sun und der Labour-nahe Daily Mirror konzentrierten sich dabei auf Fragen der Souveränität (und da auf Themen wie Einwanderung), während sich die großformatigen Zeitungen – etwa der Guardian, die Times und der Daily Telegraph – überwiegend mit den wirtschaftlichen Folgen befassten.