Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan beschuldigt seinen früheren Verbündeten und jetzigen Erzrivalen, Fethullah Gülen, hinter dem Putschversuch vom Freitag zu stecken. Auch Regierungsvertreter der islamisch-nationalistischen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) machten bereits in den Abendstunden, als die Kämpfe ausbrachen, die Gülen-Bewegung dafür verantwortlich.

Putschvorwürfe gegen den 75-jährigen Fethullah Gülen, der im selbst gewählten Exil im US-Bundesstaat Pennsylvania lebt, sind in der Türkei nichts Neues. Im Februar 2016 begann in Istanbul ein Prozess gegen den abwesenden, pensionierten Imam und 121 seiner mutmaßlichen Anhänger wegen Bildung einer "bewaffneten terroristischen Vereinigung zum Sturz der Regierung". Die 10.529-seitige Anklageschrift wirft der "Fethullistischen Terrororganisation" (FETÖ) auch Spionage und illegale Abhörmaßnahmen gegen zahlreiche Politiker, Journalisten und Unternehmer vor – sowie die Fälschung von Beweisen in Ermittlungsverfahren.

Im laufenden Verfahren gegen Gülen treten Erdoğan, der damalige Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu, mehrere Minister und der Geheimdienstchef Hakan Fidan als Nebenkläger auf. Der Umsturzvorwurf bezieht sich allerdings nicht auf einen versuchten Militärputsch. Vielmehr sieht Erdoğan in einem im Dezember 2013 angelaufenen Korruptionsermittlungsverfahren gegen sein engstes Umfeld, darunter mehrere daraufhin zurückgetretene Minister und seinen Sohn Bilal, einen Justizputsch von Gülen-nahen Juristen gegen seine Regierung.

Doch ist Gülen tatsächlich ein Militärputsch zuzutrauen? Und hätte er im fernen Pennsylvania überhaupt den dafür notwendigen Einfluss auf Teile der türkischen Armee? Um sich hier ein Bild zu machen, hilft ein Blick auf die Persönlichkeit und Biographie des Predigers und seine Gemeinde.

Gefürchtet und geliebt

Im Frühjahr 2013 setzte das US-Magazin Time den damals außerhalb der Türkei wenig bekannten Gülen auf seine jährliche Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Gülens Laudator im Time-Magazin nannte den Prediger einen der "faszinierendsten religiösen Führer", der mit seiner "Botschaft der Toleranz Bewunderer in aller Welt" erreiche. Gleichzeitig charakterisierte er Gülen als "schattenhaften Puppenspieler", der aufgrund seines immensen Einflusses in seiner türkischen Heimat, wo seine Schüler Spitzenpositionen in Regierung, Justiz und Polizei errungen haben, von ebenso vielen Menschen gefürchtet wie geliebt werde.

Der 1938 in der ostanatolischen Stadt Erzurum geborene Gülen schloss sich in seiner Jugend dem Nurculuk-Orden – den "Anhängern des Lichts" – des Predigers Said Nursî an. Dieser hatte in den 1920er und 1930er Jahren eine religiöse Widerstandsbewegung gegen den Säkularismus der Türkischen Republik unter ihrem Gründer Mustafa Kemal Atatürk angeführt. Zugleich war Gülen, der zu den Mitbegründern des "Vereins zur Bekämpfung des Kommunismus" in Erzurum gehörte, ein glühender Nationalist. Er träumte von einem Großreich aller Turkvölker vom Balkan bis zur chinesischen Mauer. Bis heute existiert eine Nähe der Gülen-Bewegung zum stärker religiös ausgerichteten Flügel der faschistischen Grauen Wölfe.

Gülen, der ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre als staatlich angestellter Imam im westtürkischen Izmir eine eigene Gemeinde um sich zu sammeln begann, vertritt einen ultrakonservativen sunnitischen Islam. Doch anders als etwa Erdoğan distanziert er sich seit Langem deutlich von terroristischen dschihadistischen Gruppierungen wie Al-Kaida und dem "Islamischen Staat". Statt auf Moscheen und lediglich religiöse Bildung setzt Gülen auf den Bau von Schulen, in denen sich junge Muslime moderne Wissenschaft und Bildung aneignen sollen, um der Türkei in einer globalisierten Welt eine neue Rolle als islamische Vormacht zu ermöglichen.

Anhänger fand Gülen insbesondere in den frommen anatolischen Mittelschichten, die im kemalistischen Staat jahrzehntelang von kultureller wie politischer Teilhabe ausgeschlossenen waren. Zu Sponsoren seiner Bildungseinrichtungen und Medien wurden nach dem Putsch von 1980 groß gewordene Familienunternehmen, die in Konkurrenz zum kemalistischen Staatskapital stehenden "anatolischen Tiger". Das Netzwerk der von Gülen inspirierten Einrichtungen umfasst heute mehr als 1.000 Privatschulen, Studentenwohnheime, Krankenhäuser, Medien und  Wirtschaftsunternehmen in über 140 Ländern, darunter in Deutschland.