Für einen Moment schien Frankreich aufatmen zu können: Die Fußball-Europameisterschaft war erfolgreich beendet, ein lange umkämpftes Arbeitsgesetz im Parlament endlich verabschiedet, und die Ferien begannen. Für viele Franzosen gab es die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität. Doch die Ereignisse in Nizza lassen nun kein Aufatmen zu: Das Grauen der Tat, ihre bislang unvorstellbare Effizienz beim Töten vor der ebenso geschichts- wie gefühlsbeladenen Kulisse des französischen Revolutionsfestes auf einer der berühmtesten Strandpromenaden des Landes – das alles wird sich wie ein kleiner 11. September fest in den Köpfen der meisten Franzosen einprägen.

Noch am selben Tag, nur ein paar Stunden vor dem Attentat in Nizza, hatte Staatspräsident François Hollande nach acht langen Monaten der Unsicherheit im Anschluss an die Pariser Anschläge vom 13. November die Aufhebung des Ausnahmezustands in Frankreich für Ende Juli angekündigt. Wenige Stunden nach dem Attentat entschied Hollande bereits über die Verlängerung des Ausnahmezustands bis in den Oktober. Das spiegelt, wie scheinbar ohne Ende ein Terrorakt dem nächsten folgt, unabhängig davon, ob die Attentate von den Tätern bewusst in dieser zeitlichen Reihenfolge geplant waren.

Das Ergebnis ist jedenfalls dasselbe: In Frankreich regiert seit den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo vor eineinhalb Jahren ein Daueralarmzustand, der vor allem Politik und Medien nicht zur Ruhe kommen lässt. Nun aber droht sich dieser Zustand bis in den Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen im nächsten Frühjahr fortzusetzen. Mit unbekannten Folgen.

Karte - So lief der Anschlag in Nizza ab

Schon die politischen Reaktionen in der Nacht von Nizza zeigen: Es sind die Präsidentschaftskandidaten, die für den Wahlkampf rüsten, die als Erste ihre Stellungnahmen verbreiten. So muss es wohl sein in unserer Mediendemokratie. Aber so erreichen die Terroristen auch ihr Ziel: Sie zwingen Frankreich ihre Themen auf und verhindern die im Land dringend nötige wirtschaftliche Reformdebatte. Frankreich sei im Krieg, sagen die französischen Spitzenpolitiker nach Nizza. Genauso hatte es Präsident Hollande nach den Anschlägen vom 13. November gesagt, und der damalige US-Präsident George Bush nach dem 11. September. Das bleibt falsch und verhindert vernünftige Reaktionen.

Der Kampf gegen den IS allein genügt nicht

Denn Frankreichs Attentatsserie ist vor allem auch ein französisches Problem. Wenn nicht alles täuscht, war auch der Täter von Nizza ein bis dahin unauffälliger französischer Muslim mit nordafrikanischem Migrationshintergrund. "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", dieses Versprechen der französischen Revolution, das die Franzosen jedes Jahr am 14. Juli in allen ihren Städten und Dörfern feiern – es klingt für viele Nordafrikaner und ihre französischen Nachkommen schon seit Generationen wie blanker Hohn. Deshalb können Polizei- und Sicherheitsmaßnahmen allein nicht greifen, würde auch der militärische Sieg über den "Islamischen Staat" (IS), der für die Attentate des 13. Novembers die Verantwortung übernahm, wesentliche Probleme nicht beseitigen.

Dialog und die Aufarbeitung der Vergangenheit sind für Frankreich ebenso unabdingbar. Bis heute wird im französischen Schulunterricht nicht über die französischen Kriegsverbrechen in Nordafrika während der Kolonialzeit gesprochen. Diese Verbrechen aber bleiben bis heute Gesprächsthema in jeder französischen Familie mit nordafrikanischen Wurzeln. Also reimen sich die Kinder dieser Familien nicht selten ihre eigene Geschichte zusammen – und finden dann IS-Parolen plötzlich überzeugend.

Doch gerade historische Selbstkritik wird nach Nizza nicht auf dem französischen Plan stehen. Schon bedauern viele Politiker, dass sich Präsident und Parlament nach dem 13. November nicht zur Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft für Terroristen durchringen konnten, da es verfassungsrechtlich zu viele Bedenken gab. Man hätte damit nämlich die Gleichbehandlung aller Franzosen vor dem Gesetz infrage gestellt. Will man darüber nun doch hinwegsehen? Nizza hätte damit eine weitere fatale Folge.

Rechtsextremisten können profitieren

Denn natürlich hoffen nun vor allem der rechtsextremistische Front National (FN) und seine Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen, von den Ereignissen profitieren zu können. Jene Abschaffung der doppelten Staatsangehörigkeit für Terroristen liegt dabei genau auf Le-Pen-Linie: Denn ohne dass man es öffentlich sagen muss, richtet sich die Maßnahme bewusst gegen die nordafrikanischstämmige Bevölkerung Frankreichs. Wer sonst hat in Frankreich die doppelte Staatsangehörigkeit?

Nizza wird diesen unterschwelligen Rassismus in der französischen Gesellschaft weiter beflügeln. Der Präsidentschaftswahlkampf wird von ihm durchsetzt sein. Dagegen aber steht die Hoffnung der letzten EM-Tage, als Frankreich seine mit viel afrikanischem Blut durchmischte Fußballnationalmannschaft feierte, auch wenn diese am Ende nicht das Turnier gewann. Das zeigte wieder, wie stark die multikulturelle Gesellschaft in diesem Land sein kann. Wie sehr Frankreich von seinen Migranten, die zum größten Teil  Muslime sind, profitiert. Auch in Nizza fanden EM-Spiele statt. Doch sie sind heute vergessen. Nizza stand für Strand, Luxus, Leichtlebigkeit. Von seiner wunderschönen Strandpromenade blickte man mal staunend, mal sehnsuchtsvoll übers Mittelmeer nach Afrika. Jetzt hat sich dieser Blick für lange Zeit verdunkelt.