Die britische Untersuchungskommission zum Irak-Krieg wirft der damaligen Regierung schwere Fehler vor. So habe sie die Entscheidung, sich an der US-Invasion zu beteiligen, voreilig getroffen – bevor überhaupt alle "friedlichen Optionen für eine Entwaffnung" des Iraks unter Machthaber Saddam Hussein ausgeschöpft worden sind. Zu diesem Urteil kommt die Kommission unter Vorsitz des früheren Diplomaten John Chilcot, der den abschließenden Bericht an diesem Mittwoch in London vorgestellt hat.

"Ein Militäreinsatz war damals nicht das letztmögliche Mittel", sagte Chilcot, nach dem auch die Kommission benannt ist. Dennoch habe der damalige Premier Tony Blair dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush Gefolgschaft versprochen. Der Bericht zitiert hier aus einer Mitteilung Blairs an Bush, wo er dem Verbündeten versprach, an dessen Seite zu stehen, "was auch geschehen möge".

Anders als die siegesgewisse Rhetorik seien die Planungen und Vorbereitung des Kriegs "völlig unzureichend" gewesen. Dies gelte auch für die Nachkriegsphase: "Trotz ausdrücklicher Warnungen wurden die Folgen der Invasion unterschätzt", schreibt die Kommission und wirft Blair zumindest Irreführung vor: Die These, dass Hussein Massenvernichtungswaffen besitze, sei mit einer nicht gerechtfertigten Sicherheit vorgetragen worden, heißt es in dem Bericht.

Kein Giftgas, keine Atombomben

Bereits 2004 kam ein britischer Bericht zu dem Schluss, dass Blair die "Beweise" der Geheimdienste für angebliche Massenvernichtungswaffen im Parlament aufgebauscht hatte. Experten wie Robin Butler, ehemaliger Regierungsbeamter, ist überzeugt, dass Blair die Geheimdienstinformationen seinerzeit übertrieben und zugespitzt hat. Die Geheimdienstler "hatten ihm gesagt, dass die Informationen willkürlich und lückenhaft sind". Blair habe jedoch dem Unterhaus darauf gesagt, die Hinweise seien "umfassend, detailliert und verbindlich". Allerdings, Butler fügt in einem BBC-Interview hinzu: "Ich nenne das keine Lüge."

Andere schon. Für viele ist die von Washington und London lancierte Begründung für die Invasion in den Irak – Giftgas oder Atombomben im Besitz des Saddam-Regimes – nicht nur eine zugespitzte Wahrheit, sondern schlicht eine Lüge. Gegen den Krieg gingen damals Hunderttausende vor allem in Europa auf die Straße. Angebliche Massenvernichtungswaffen wurden nie gefunden, die ebenfalls von britischen und US-Geheimdiensten angebrachte Querverbindung von Bagdad zum Terrornetzwerk Al-Kaida blieb unbewiesen.

Während des jahrelangen Konflikts und auch in der Zeit nach dem unmittelbaren Kriegseinsatz waren bis zu 46.000 britische Soldaten im Irak stationiert. Bis zu ihrem Abzug 2009 kamen 179 britische Soldaten ums Leben; die Amerikaner beklagen insgesamt 4.500 Tote. Auf irakischer Seite waren es bis zum Abzug mehr als 100.000, weitere Zehntausende Iraker starben in der Zeit danach – eine Zeit der Grabenkämpfe zwischen Schiiten und Sunniten, die auch den Aufstieg der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) begünstigt haben.

Legal oder illegal?

Seit dem Sommer 2014 konnten die IS-Extremisten sogar weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle bringen. Zwar wurden sie zuletzt militärisch stark zurückgedrängt, mit Anschlägen verbreiten sie dennoch weiterhin Angst und Schrecken. Erst in der Nacht zum Sonntag waren bei einem Selbstmordanschlag in der irakischen Hauptstadt mehr als 200 Menschen getötet und mindestens ebenso viele Menschen verletzt worden. Auch dieser Terrorakt wird dem IS zugeschrieben.

Die Chilcot-Kommission mühte sich in den vergangenen Jahren – sieben Stück waren es insgesamt –, die Rolle Großbritanniens in diesem mittel-östlichen Konfliktherd zu erhellen. In öffentlichen Anhörungen befragte sie 150 Zeugen und wertete mehr als 150.000 Dokumente aus. Viele der Schriftstücke waren zuvor als vertraulich eingestuft worden. Der Streit um ihre Veröffentlichung hatte die Arbeit der Kommission immer wieder hinausgezögert.

Eine Aussage bleiben Chilcot und Co. den Kritikern des Irak-Kriegs und den Angehörigen der Opfer aber schuldig: Sie legen sich nicht fest, ob die Invasion damals legal oder illegal gewesen war. Viele hatten hier auf ein klares Votum gehofft und Blair hätte somit eventuell als Kriegsverbrecher angeklagt werden können.

Blair selbst verteidigte die Beteiligung seines Landes am Irak-Krieg. Die Entscheidung habe er "in gutem Glauben" und mit der Überzeugung getroffen, im "besten Interesse des Landes" zu handeln, hieß es in einer von seinem Büro veröffentlichten Reaktion.