Seit den jüngsten Attacken in Nizza, Ansbach und in der Kirche in der Normandie füllen vorgefertigte Meinungen den öffentlichen Raum. In Cafés, am Esstisch, in den sozialen Medien: Jeder hat seine Meinung zu dem, was passiert ist und wer dafür verantwortlich zu machen ist. Doch wir brauchen keine Meinungen, sondern Vernunft und Verständnis – also jene Dinge, die schnell durch Meinungen getrübt werden.

In den Kommentaren will jeder den Islam und die Geflüchteten entweder beschuldigen oder entlasten. Dieses doktrinäre Denken beobachte ich in Frankreich schon seit den Attentaten im Januar 2015. Damit einher ging die Polarisierung der politischen Debatte. Das führt aber zu nichts anderem als der Spaltung der öffentlichen Meinung, der Stärkung des Populismus und letztlich zur Schwächung der Gesellschaft.

Reden wir also über Grundlegendes: Terrorismus ist eine Form öffentlicher Gewalt. Um genauer zu sein: ein Akt der Gewalt gegen eine Bevölkerung oder zivile Infrastruktur, die von einem nicht staatlichen Akteur mit einem politischen Ziel begangen wird. Diese Definition ermöglicht es uns, die Gewaltakte in Deutschland und Frankreich noch einmal Revue passieren zu lassen.

Nicolas Hénin ist ein französischer Journalist, Autor und Berater für verschiedene europäische Behörden zum Thema Terrorismus und Radikalisierung. Von Juni 2013 bis April 2014 war er Geisel des IS in Syrien. Sein Buch "Der IS und die Fehler des Westens" erschien im April bei Orell Füssli. © privat


Die Frage, die sich die Gesellschaft nun im Angesicht des Traumas durch die willkürlichen und unvorhersehbaren Attacken völlig zu Recht stellt, ist: Warum?

Genau da kommen drei Faktoren ins Spiel und sie alle haben ihre Berechtigungen und Grenzen: die politische Begründung, die religiöse Begründung und die psychosoziale Begründung. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Gewalttaten häufig ein Ergebnis von mindestens zwei dieser Faktoren sind. Natürlich stehen hinter vielen der Terrorakte, die in letzter Zeit in Europa begangen wurden, auch Nihilismus oder psychische Probleme, aber keines der beiden reicht aus, um diese Gewalttaten zu erklären.

Ein Kleinkrimineller inspiriert die Dschihadisten

Die Anhänger der politischen Begründung werden erklären, dass es wichtig ist, die Ungerechtigkeiten der Welt auszugleichen, um den Terrorismus zu bekämpfen. Dieser sei vor allem das Ergebnis autoritärer Regime, die gleichzeitig Freiheiten und wirtschaftliche Ressourcen einziehen. Man müsse die Bombenwerfer natürlich stoppen, mahnen sie, vor allem müsse man aber die Maschinerie stoppen, die Bombenwerfer produziert. Der sogenannte "Islamische Staat" (IS) gedeiht dort, wo sunnitische Araber missachtet oder gar unterdrückt wurden – oft von ihren eigenen Regierungen in Damaskus wie in Bagdad. Wenn es vonseiten der Regierungen in diesen beiden Hauptstädten keine Besserung gibt, gibt es kaum Hoffnung, den IS zu zerstören. Im Nahen und Mittleren Osten wie in den benachteiligten Vierteln Europas neigen Bevölkerungsgruppen am Rand oder außerhalb eines politischen Systems natürlicherweise zur Radikalisierung.

Die Anhänger der religiösen Begründung stützen sich vor allem auf die Dschihad-Doktrin von Abou Moussab as-Suri. Er hatte 2004 einen 1.600 Seiten langen Text über die Zukunft des Dschihadismus veröffentlicht. Es ist jedoch ein Irrtum, auf ihn zurückzugreifen. Die Dschihadisten des IS haben sich in ihrem Magazin Dabiq über as-Suri lustig gemacht, weil er einen ökumenischen Dschihadismus angepriesen hat, der nicht nur Salafisten vorbehalten war.

Die wahre Inspiration der Dschihadisten heute ist Abou Moussab Az-Zarqawi, ein Kleinkrimineller, der sich mit bin Laden überworfen hatte und daraufhin den IS im Irak ausrief. Man darf auch den Einfluss der Al-Kaida-Tochter AQAP ("Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel") nicht unterschätzen. Diese hat sowohl Abu Bakr al-Naji hervorgebracht, den Autor des Gründungspamphlets Edarat al-Wahsh (Die Verwaltung der Barbarei), als auch anglo-jemenitische Prediger wie Anwar al-Awalaqi und das englischsprachige Magazin Inspire. Sie alle spielten eine zentrale Rolle für die Verbreitung dschihadistischer Ideen im Westen.