Der vereitelte Putsch, so befand Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, sei ein "Geschenk Gottes", ein "Glücksfall". Ministerpräsident Binali Yıldırım sagte über die Angreifer, "das sind keine Soldaten, das sind gefräßige terroristische Schlächter in Uniform" und drohte: Wer sich gegen den Willen des Volkes stelle, werde an die "Putschisten erinnert, deren Leben ausgelöscht wurden". Gemeinsam kündigten sie eine "Reinigung der Armee" an.

Es war ein kurzes, gefährliches Aufbegehren von Teilen des türkischen Militärs, wohl zum letzten Mal. Die einst so stolzen Uniformierten haben den schon seit über einem Jahrzehnt andauernden Machtkampf mit der islamisch-konservativen AKP-Regierung verloren.

Gewonnen hat nun Erdoğan, er steht stärker da als je zuvor. Nach den kritischen Journalisten und der Fethullah-Gülen-Bewegung, nach der politischen Opposition und der kemalistischen Justiz hat er damit nun auch seinen einst kraftvollsten Gegner ausgeschaltet.

Dabei schien eine Kapitulation der Generäle lange undenkbar. Über Jahrzehnte hinweg genossen die Militärs enormes Ansehen und zahlreiche Privilegien. Zudem ist das Militär eines der größten Wirtschaftsunternehmen des Landes, etwa an Automobilunternehmen und Banken beteiligt und einer der größten Investoren der heimischen Industrie.

"Her Türk asker doğar!" – "Jeder Türke wird als Soldat geboren!", lautet bis heute ein gängiges Sprichwort und versinnbildlicht, welch zentralen Wert das Militär für die nationale Identität hatte. Der Generalstabschef war der mächtigste oder der zweitmächtigste Mann des Landes – je nachdem, wie man die Position des Ministerpräsidenten betrachtete.

Vier Mal stürzten Militärs die Regierung

Erst Erdoğan beendete eine lange Tradition starker militärischer Einflussnahme, die seit der Staatsgründung 1923 selbstverständlicher Teil der türkischen Politik war.

1960, 1971, 1980 und 1997: Ganze vier Mal intervenierten die Streitkräfte mit Gewalt oder ohne gegen die zivile Regierung, wenn sie dies für angebracht hielten. Neben ihrer historisch begründeten Stärke fühlten sie sich auch durch das Gesetz zum Verhalten im Inneren Dienst (İç Hizmet Kanunu) aus dem Jahr 1961 legitimiert. "Die Aufgabe der Streitkräfte ist, die türkische Heimat und die Republik Türkei, die mit der Verfassung festgestellt ist, zu schützen und prüfend zu beobachten", heißt es da in Artikel 35.

Ihre Wächterrolle zur "Rettung des Kemalismus" machte die Armee zuletzt 2007 deutlich. Im Vorfeld zur Präsidentschaftswahl des AKP-Kandidaten Abdullah Gül wurde auf der Internetseite des Generalstabs ein sogenanntes E-Memorandum veröffentlicht: In diesem warnte der Generalstabschef davor, nicht "die Republik, und vor allem den Laizismus, zu untergraben" und betonte, "die Truppen erfüllen ihre im Gesetz festgelegten Aufgaben". Für einen Moment sah es danach aus, als ob die AKP-Regierung die fünfte gewählte und vom Militär seit 1960 abgesetzte Staatsführung werden sollte.

Erdoğan, damals noch Ministerpräsident, löste die Krise durch eine vorgezogene Parlamentswahl, welche die AKP mit einer deutlichen Mehrheit gewann. Gül wurde schließlich zum elften Staatspräsidenten der Türkei gewählt.

Erdoğan nutzte für seinen Kampf auch die EU

Erdoğan nutzte auch die Forderungen der EU an den "ewigen Beitrittskandidaten", das Land zu demilitarisieren. Seine Kritiker sahen nur einen Vorwand darin. Sie glauben, dass der Ministerpräsident die EU-Position aufgriff, um einen seiner stärksten Gegner niederzuringen. Nach und nach gelang es der AKP-Regierung, die wichtigsten Führungsposten im Militär neu zu besetzen.

Schließlich wurde am 12. September 2010, genau 30 Jahre nach dem legendären Militärputsch von 1980, über ein Paket von Verfassungsänderungen abgestimmt. Die mit 58 Prozent der Stimmen angenommenen Verfassungszusätze schränken die Macht der Streitkräfte gleich in mehreren Bereichen weiter ein: Die Immunität gegen Strafverfolgungen, die man den Putschisten früher zugebilligt hatte, wurde widerrufen. Zudem wurden die Rechte der Militärgerichte eingeschränkt. "Vergehen gegen die Sicherheit des Staates" können seitdem auch vor zivilen Gerichten verhandelt werden. Sogar der Generalstabschef konnte nun vom Verfassungsgericht angeklagt werden, was vorher nicht vorgesehen war.

Der damalige Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) lobte, das Referendum sei ein Zeichen dafür, dass die Türkei sich in Richtung Europa orientiere. "Niemand kann der Türkei vollmundig irgendetwas vor der Zeit versprechen. Aber niemand sollte ein so wichtiges Land, das sich augenscheinlich modernisiert, vor den Kopf stoßen und es ausgrenzen", sagte Westerwelle. Er übersah ebenso wie Brüssel, wie weitreichend die Verfassungsreform war. Denn Erdoğan rechnete nun mit den einst "Unantastbaren" ab.

Militärs vor zivilen Gerichten

Unter dem Vorwurf, als Teil eines angeblichen geheimen Netzwerks namens Ergenekon einen Umsturz zu planen, wurden Dutzende hochrangige Militärs vor Gericht gestellt. So etwas hatte es in der Türkei nie zuvor gegeben. Die Angeklagten wiesen stets alle Vorwürfe zurück und bezeichneten Ergenekon als eine Erfindung der AKP-Regierung, um das Ansehen der kemalistischen Armee im Volk zu zerstören. Auch die säkulare Opposition und Bürgerrechtler sahen in dem Prozess ein politisches Manöver, um unliebsame Gegner zum Schweigen zu bringen. Denn alle Angeklagten waren als Erdoğan-Kritiker bekannt, der Prozess fand nicht unter rechtstaatlichen Prinzipien statt.

Ob es das mysteriöse Terrornetzwerk namens Ergenekon tatsächlich gab, konnte nicht bewiesen werden. Der Prozess ging von der internationalen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet im August 2013 mit beachtlich harten Strafen zu Ende. Mindestens 16 der 275 Angeklagten wurden wegen "gewaltsamen Umsturzversuches" zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, unter ihnen der bis 2010 amtierende Generalstabschef İlker Başbuğ, dessen Vorname übersetzt "Erster Soldat" und dessen Nachname "Führer" bedeuten. Er soll an der Spitze des geplanten Staatsstreichs gestanden haben.

Başbuğ selbst nannte die Vorwürfe "tragikkomisch" und sagte, er habe "ein reines Gewissen". Erdoğan hingegen lobte die Urteile als einen "Sieg der Justiz".

Nach dem Putsch vom Wochenende hat die Regierung nach eigenen Angaben mehr als 6.000 Menschen verhaftet. Sie diskutiert darüber, die Todesstrafe wiedereinzuführen.