Was wir wissen

Die Lage am Sonntag

  • Bei dem Versuch von Teilen des Militärs, die türkische Regierung zu stürzen, sind nach offiziellen Angaben mindestens 290 Menschen getötet worden. Demnach gehörten 190 davon regierungstreuen Einheiten an oder waren Zivilisten, 100 der Toten gehörten zu den Putschisten. Außerdem seien mehr als 1.000 Menschen verletzt worden.
  • Mehrere Generäle der türkischen Armee sind wegen ihrer Beteiligung an dem Putsch von der Polizei festgenommen worden. Sie stammen vor allem aus der Luftwaffe, der Panzertruppe und der Gendarmerie.
  • Nach Angaben der Regierung wurden insgesamt bisher 6.000 Menschen unter dem Vorwurf verhaftet, mit dem Putsch etwas zu tun zu haben.
  • Drei Majore, drei Hauptmänner und zwei Unteroffiziere der türkischen Heeresflieger sind mit einem Hubschrauber nach Griechenland geflohen und haben dort Asyl beantragt. Die Türkei fordert, die acht mutmaßlichen Putschisten sofort auszuliefern. Der Hubschrauber wurde noch am Samstagabend von türkischen Soldaten in die Türkei zurückgeflogen. Sie sollen vor Gericht gestellt werden, da sie den griechischen Luftraum verletzt und die Beziehungen zur Türkei beschädigt haben sollen. Nach Angaben ihrer Anwältin bestreiten sie, an der Verschwörung beteiligt gewesen zu sein.

Karte: Putschversuch in der Türkei

Wo geschah was in den entscheidenden Momenten?

Die Lage am Samstag

  • Ein Versuch von Teilen des Militärs, die Macht in der Türkei zu übernehmen, ist gescheitert. Die Lage sei vollständig unter Kontrolle, sagte Ministerpräsident Bilali Yıldırım am Samstagmittag. Nur vereinzelt gebe es noch Operationen gegen Putschisten, sagte Hakan Fidan, der Chef des Geheimdienstes MIT.
  • Auf Istanbuls Straßen schien am Samstagnachmittag die Normalität langsam zurückzukehren. Die Behörden öffneten die Brücken über den Bosporus wieder für den Verkehr. Im Hauptquartier der Armee in Ankara hatten sich wenige Stunden zuvor mehr als 200 Putschisten ergeben – angeblich die letzte noch kämpfende Gruppe.
  • Präsident Recep Tayyip Erdoğan rief die Bürger allerdings auch am Samstag noch auf, auf den Straßen zu bleiben, da ein Wiederaufflammen der Gewalt nicht ausgeschlossen sei. "Auch ich werde nicht gehen", sagte er. Viele Anhänger Erdoğans versammelten sich daraufhin auf öffentlichen Plätzen.
  • Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu wurden 2.839 Armeeangehörige festgenommen. Der Hohe Rat der Richter und Staatsanwälte (Hâkimler ve Savcılar Yüksek Kurulu, HSYK) ordnete in einer Sondersitzung an, 2.745 Richter festzunehmen. Zudem seien zehn Richter und elf Staatsanwälte des höchsten Verwaltungsgerichts festgesetzt worden. Mehrere Generäle und 29 Oberste sollen laut Angaben des Innenministeriums von ihren Posten entfernt worden sein.
  • Es gab Berichte über Lynchjustiz. Auf Fotos von Nachrichtenagenturen ist zu sehen, wie Soldaten von Zivilisten misshandelt werden. Ein Twitter-Video zeigt angeblich, wie ein Soldat zu Tode geprügelt wird. Die dem Militär nahestehende Zeitung Sözcü berichtete am Samstag, ein aufgebrachter Mob habe einem Soldaten in Istanbul die Kehle durchgeschnitten. Von Regierungsseite gibt es dafür bisher keine Bestätigung.

Der Putschversuch

  • Am Freitagabend hatten Armeeeinheiten das Kriegsrecht ausgerufen und eine Ausgangssperre verhängt. Das Militär wolle "die verfassungsmäßige Ordnung, Demokratie, Menschenrechte und Freiheiten wiederherstellen", hieß es in einer im staatlichen Fernsehsender TRT verlesenen Erklärung. Im Land sollten wieder Rechtsstaatlichkeit und Ordnung gelten. Nicht alle Soldaten schlossen sich jedoch dem Putsch an, regierungstreue Einheiten bekämpften die Putschisten.
  • Soldaten der Putschisten und Panzer bezogen in der Nacht zum Samstag an strategisch wichtigen Punkten in Istanbul und Ankara Stellung. In beiden Städten waren Kampfflugzeuge und Hubschrauber am Himmel zu sehen. Ein Hubschrauber feuerte auf das Parlamentsgebäude in Ankara, in dem sich Abgeordnete aufhielten. Das Haus wurde stark beschädigt. Auf Fernsehbildern waren am Samstagmorgen Trümmer, zerborstene Scheiben und gravierende Schäden am Mauerwerk zu sehen. In der Nähe des Präsidentenpalastes in Ankara im Stadtteil Beştepe gab es ebenfalls einen Luftangriff. Ein Geschoss sei von einem Kampfflugzeug abgeworfen worden, berichtete der Fernsehsender NTV. Die Soldaten besetzten zentrale Gebäude wie die Hauptquartiere des Generalstabs, der Armee, der Polizei und des Geheimdienstes.


  • In Istanbul blockierten Militärfahrzeuge Brücken. Panzer fuhren auf den Straßen, Soldaten feuerten in die Luft und stellten sich Demonstranten entgegen, Autos brannten. Am Taksim-Platz kam es zu einem Feuergefecht zwischen Polizei und Soldaten. An der Bosporus-Brücke gab es Schüsse auf Demonstranten. Tausende waren in der Nacht dem Aufruf Erdoğans gefolgt, gegen den Putsch auf die Straße zu gehen.
  • Vielerorts war in der Nacht Gewehrfeuer zu hören, immer wieder gab es Explosionen. Auch der internationale Flughafen Atatürk in Istanbul stand zwischenzeitlich nicht mehr unter der Kontrolle regierungstreuer Einheiten, wurde am Samstagmorgen aber wieder von ihnen übernommen. Turkish Airlines fliegt seit dem Morgen wieder.
  • Die Putschisten besetzten ebenfalls kurzzeitig den staatlichen Rundfunk. Auch die türkische Redaktion von CNN war kurz von Putschisten besetzt, diese wurden aber festgenommen.
  • Auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik, wo auch 300 Bundeswehrsoldaten mehrere Tornado-Jets und ein Tankflugzeug im Einsatz halten, wurde die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen. Am Samstagnachmittag gab es widersprüchliche Angaben darüber, ob der Stützpunkt abgeriegelt sei. Das US-Konsulat teilte mit, die Energieversorgung sei unterbrochen, der Zugang zur Basis und auch das Verlassen des Stützpunktes aus Sicherheitsgründen untersagt. Ein Sprecher der Bundeswehr widersprach. Die deutschen Soldaten könnten mit Ausweiskontrolle weiterhin die Basis verlassen und wieder hineingehen.

Reaktion der Regierung

  • Präsident Recep Tayyip Erdoğan meldete sich am Freitag zunächst von einem unbekannten Ort. Er hatte seinen Urlaub in Marmaris an der türkischen Ägäis-Küste verbracht. Erdoğan sprach per FaceTime auf CNN Türk und forderte die Bevölkerung auf, sich gegen den Putsch zu stellen. Später flog Erdoğan nach Istanbul. Er sprach von einem "Aufstand einer Minderheit in der Armee" und kündigte "sehr starke Gegenmaßnahmen" an. Am Samstagmorgen sagte er, der Putschversuch sei "wie ein Geschenk Gottes". Er gebe der Regierung Gelegenheit, "die Streitkräfte zu säubern".
  • Vom Atatürk-Flughafen aus machte Erdoğan in einer Fernsehansprache seinen Widersacher Fethullah Gülen für den Putsch verantwortlich, der in den USA lebt und in der Türkei als Terrorist gilt. "Das war die Parallelorganisation höchstpersönlich. Sie werden einen sehr hohen Preis für diesen Verrat zahlen", sagte er. Gülen wies die Vorwürfe umgehend zurück. Er verurteilte den Putschversuch.
  • Ministerpräsident Yıldırım hatte die regierungstreuen Truppen in der Nacht angewiesen, von den Putschisten gekaperte Flugzeuge abzuschießen. Kampfjets mit einem entsprechenden Auftrag seien von der Luftwaffenbasis Eskişehir abgehoben, hieß es aus dem Präsidialamt. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu hatte gemeldet, in der Nacht sei ein Hubschrauber der Putschisten in Ankara von F-16-Kampfflugzeugen der regierungstreuen Truppen abgeschossen worden. Am Samstagmorgen griffen Kampfjets Panzer der Putschisten an, die am Präsidentenpalast in Ankara aufgefahren waren.
  • Während einer Operation gegen Umstürzler am Hauptquartier der Gendarmerie in Ankara wurden 16 Putschisten getötet. Der Chef des Geheimdienstes MIT hatte den Befehl ausgegeben, "bis zum Ende zu kämpfen". Auch dort ist die Lage inzwischen beruhigt.
  • Es seien vor allem Offiziere der Luftwaffe, der Militärpolizei und der Panzerverbände am Putschversuch beteiligt gewesen, sagte der neu ernannte kommissarische Generalstabschef  Ümit Dündar. Dündar war bisher Kommandeur der Ersten Armee gewesen und hat das Amt von Hulusi Akar übernommen, der von den Putschisten verschleppt worden war. Medien zufolge befreite das Militär Akar in dem Truppenstützpunkt Akıncı nördlich von Ankara aus der Gewalt von Putschisten.
  • Ministerpräsident Yıldırım hat alle Parteien für Samstagnachmittag zu einer Sondersitzung ins Parlament bestellt. Neben der regierenden AKP haben auch alle drei im Parlament vertretenen Oppositionsparteien den Putschversuch verurteilt. Der Ministerpräsident dankte ihnen und den Bürgern für die Unterstützung gegen die Putschisten. Zu Beginn der Krisensitzung demonstrierten in Ankara Hunderte Menschen ihre Unterstützung für die gewählte Regierung.

Was wir nicht wissen

  • Es ist unklar, wer den Putsch geplant hat. Daran beteiligt waren Teile der Armee. Erdoğan macht den in den USA lebenden Gülen verantwortlich. Er forderte in einer Rede US-Präsident Barack Obama auf, Gülen auszuliefern. Gülen bestreitet eine Verwicklung.
  • Es lässt sich derzeit nicht genau sagen, welche Teile des Militärs am Putsch beteiligt waren. Die linke türkische Tageszeitung Evrensel hat eine Liste mit 34 Generalen veröffentlicht, die nach dem Putsch festgenommen worden sein sollen. Die Zeitung Hürriyet  veröffentlichte ebenfalls eine solche Liste mit zum Teil anderen Namen. Übereinstimmend wird vor allem Akin Öztürk genannt. Der ehemalige General war bis 2015 Oberkommandeur der Luftstreitkräfte und anschließend noch Mitglied im Militärrat. Er ist der Verschwörer mit dem höchsten militärischen Rang, der bislang bekannt wurde. 

Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.

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