Brüssel und Wien waren sich noch nie ganz grün. Chlorhuhn, Brüsseler Zentralismus, Gurkenkrümmung – alles musste herhalten, um Ressentiments gegen die europäische Integration zu schüren. Und der Boulevard schimpfte immer eifrig mit. Nun beflügelt der Brexit die Fantasien der Populisten. Zwar sagte der neue Kanzler Christian Kern, Diskussionen über einen Öxit könne man nicht brauchen. Kern wird sich das aber nicht aussuchen können. Denn Norbert Hofer möchte Präsident werden und er stellte in den Raum: "Wenn die Union sich falsch entwickelt, dann wäre für mich der Augenblick gegeben, wo man sagt: So, jetzt muss man auch die Österreicher fragen."

Ein Austritt Österreichs aus der EU? Für Rechtspopulisten ein Traum, für das Land selbst ein Himmelfahrtskommando. Selbst die unmittelbaren Folgen wären verheerend. Die Trennung Großbritanniens von der EU ist eine Kleinigkeit im Gegensatz zum Scheidungsverfahren eines Euro- und Schengenlandes, das klein ist und keine Wirtschaftsmacht.

Wenn Fritz Breuss vom Wiener Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) diese Gedankenspiele hört, geht ihm der Hut hoch. "Da verzapfen Populisten, wie toll das sei, wenn wir wieder selbstständig wären. Aber für Österreich wäre das noch eine schlimmere Katastrophe als für Großbritannien", sagt der Ökonom. Österreichs Handel sei auf die EU konzentriert, insbesondere auf Deutschland und Italien, Großbritannien hingegen habe starke Beziehungen mit den USA. "Wir waren immer schon abhängig von Deutschland, der Schilling war an die D-Mark gebunden und auch als Nicht-EU-Mitglied müssten wir uns an Deutschland orientieren", sagt Breuss. Viel Selbstständigkeit wäre da nicht gewonnen. Schon gar nicht als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR), dessen drei Nicht-EU-Mitglieder Norwegen, Island und Liechtenstein zwar Zugang zum Binnenmarkt haben, aber im Gegenzug die Regeln der Union ohne Mitspracherecht übernehmen müssen.

Das Münchner ifo-Institut hat für die Studie 20 Jahre Österreich in der Europäischen Union – Herausforderungen und Optionen für die Zukunft im Auftrag des Wiener Wirtschaftsministeriums im vergangenen Jahr auch die ökonomischen Folgen eines möglichen Austritts Österreichs durchgerechnet. "Eine totale Trennung würde einen Schaden von vier bis neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen", sagt Gabriel Felbermayr, einer der Autoren. "Bekäme Österreich eine Anbindung an die EU wie die Schweiz, wären es noch immer 1,5 bis drei Prozent des BIP, mindestens 5,7 Milliarden Euro, die jährlich fehlten."

Eine Mitgliedschaft im EWR, das wohl realistischste Szenario, sieht Felbermayr ebenfalls kritisch. "Mit Ausnahme Liechtensteins ist das ein Club der Fischfänger. Österreich ist in seiner Wertschöpfungskette aber so eng an Deutschland gebunden, dass der EWR vermutlich nicht das optimale Rahmenprogramm ist."

Meint die FPÖ es trotz allem ernst?

Neben kurzfristigen Effekten gebe es auch schwer vorhersagbare Entwicklungen. Etwa Unternehmen, die abwandern und lieber in einem Euroland produzieren. "Diese Folgen konnten wir gar nicht einrechnen", sagt Felbermayr. Unterm Strich bleibt: Die Wirtschaftsentwicklung des Landes würde massiv unter einem Austritt leiden, noch mehr als jene Großbritanniens.

Meint es die FPÖ mit dem Austritt trotz allem ernst? Vielleicht. Zwar ist im Handbuch freiheitlicher Politik der FPÖ ein Bekenntnis zur europäischen Integration zu finden, doch schon eine Seite weiter folgt das Kapitel Der Austritt ist kein Tabu.

Natürlich lassen sich die Freiheitlichen eine Hintertür offen: Norbert Hofer sagte, binnen eines Jahres müsse sich die EU reformieren, damit er kein Austrittsreferendum anstößt. Doch welche Reformen das sein sollen, sagte er wohlweislich nicht dazu. Noch immer gibt es in Österreich in Umfragen eine Mehrheit für den Verbleib in der EU.

Trotzdem bleibt ein wenig Schimpfen gegen Brüssel Teil des politischen Standardrepertoires. Und am Ende könnten Öxit-Propagandisten die Position vertreten, die ökonomischen Nachteile seien die Selbstständigkeit wert. "Ich bezweifle aber, dass die Leute, die das sagen, verstanden haben, worum es geht", sagt Stefan Griller vom Institut für Europarecht der Universität Salzburg. "Zu welcher Selbstständigkeit möchte man denn zurückkehren?" Die Nachteile eines gewöhnlichen Drittstaates wären ungeheuerlich, der Schweizer Status oder die EWR-Mitgliedschaft unehrlich, "die Selbstständigkeit wäre um nichts größer, als wenn man Mitglied ist". Es sei ein Spiel mit dem Feuer, sagt Griller, "auch wenn viele nicht wissen, dass sie ein Feuer in der Hand haben".