Über die weiteren Vorgänge in der Türkei informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

Die Lage ist unübersichtlich, es ist noch zu früh, um kluge Analysen abzugeben, aber eines scheint derzeit sicher: Das türkische Militär, oder Teile davon, haben sich wieder zu einem Putsch entschlossen. Wie schon mehrmals in der Vergangenheit.

Die Nachrichten erreichten uns hier in Deutschland dadurch, dass sich mehr und mehr Istanbuler am Abend darüber wunderten, dass Militärhubschrauber über der Stadt kreisten. Plötzlich hieß es, die Bosporus-Brücken würden in beide Richtungen gesperrt – nicht von der Polizei, sondern vom Militär.

Dann ging alles sehr schnell: Es gebe Schießereien im Generalstab in Ankara; der Generalstabschef sei von einer Gruppe von Militärs in Geiselhaft genommen worden; die Armee sperrt den Flughafen von Istanbul, alle Flüge wurden gestrichen; Schüsse auf das Gebäude des Staatssenders TRT; die Verlesung der Erklärung einer Gruppe, die sich "Rat für Frieden in der Heimat" nennt und sich nun verantwortlich für das Land sieht; Schüsse auf das Gebäude des Geheimdienstes, Schüsse in der Nähe des Parlaments und der Polizeidirektion.

Die Armee, oder richtiger: Die Teile der Armee, die zu dieser Gruppe gehörten, verhängten das Kriegsrecht und eine Ausgangssperre. Sehr schnell, inmitten dieser unübersichtlichen Lage meldete sich als einer der ersten Premierminister Binali Yıldırım und bestätigte, dass anscheinend eine kleine Gruppe innerhalb des Militärs den Aufstand wage. Es handele sich dabei um eine Gruppe von Anhängern der Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen.

Einst waren Präsident Tayyip Erdoğan und Gülen enge politische Verbündete, seit einigen Jahren sind sie bitter verfeindet, für die türkische Regierung handelt es sich bei der Bewegung um eine Terrororganisation, der sie ebenfalls bereits in der Vergangenheit vorgeworfen hatte, einen Staatsstreich verüben zu wollen. Damals, im Dezember 2013, gab es Razzien und Festnahmen in Zusammenhang mit Korruption, Mitglieder der Regierung sollten darin verstrickt sein, so der Vorwurf der ermittelnden Staatsanwälte – die ebenfalls der Gülen-Bewegung angehören sollen.

Erdoğan: Schlag gegen den "Willen des Volkes"

Seit mehreren Stunden nun spricht ein Regierungsvertreter nach dem anderen auf CNN Türk und anderen Sendern, zumeist sind sie per Facetime zugeschaltet. Präsident Erdoğan, der recht aufgeräumt wirkte, sagte, dass das ein Schlag gegen den "Willen des Volkes" sei, er sei auf dem Weg nach Ankara und rief die Bevölkerung dazu auf, auf die Straßen zu gehen – gegen die Putschisten und für die Demokratie, wie er sagte.

Andere Regierungsmitglieder taten es ihm nach, der ehemalige Präsident Abdullah Gül, sonst ein sehr leiser Sprecher, forderte inbrünstig und sehr laut, dass jene, die den Putsch begingen, von diesem Fehler umkehren sollten, damit das Land nicht noch mehr Schmerzen erleide. Auch Politiker der Opposition äußerten sich ähnlich, etwa Kemal Kılıçdaroğlu, der Chef der Armee-freundlichen Republikanischen Volkspartei CHP.

Nun ist die große Frage: Wird dieser Putschversuch Erfolg haben? Zunächst ist da eine Gegenfrage zu stellen: Kann ein Putsch überhaupt jemals als "erfolgreich" bezeichnet werden?

Die erste vorsichtige Einschätzung wäre: Es ist schwer zu glauben, dass es sich bei einer so aufwendigen Planung und Durchführung nur um eine kleine Gruppe innerhalb des Militärs handeln kann.

Die zweite vorsichtige Aussage ist: Wie es aussieht, handelt es sich nicht um eine Aktion, bei der die oberste Armeeführung mitmacht oder der sie ihren Segen gegeben hätte, schließlich wurde der Generalstabschef als Geisel genommen, andere hohe Militärs haben erklärt, dass sie den Aufstand nicht unterstützen.

Die Menschen haben genug von Staatsstreichen

Und die Bevölkerung – durchweg alle politischen Milieus und Gesellschaftsschichten haben genug von Militärputschen, es ist das alte Trauma der Türkei. Sie mögen nicht alle Präsident Erdoğan unterstützen, sie mögen ihn gar für eine Art Despoten halten, aber die Wunden, die das Militär hinterlassen hat, dürften schwerer wiegen. Zur Stunde ziehen viele in Istanbul und Ankara tatsächlich auf die Straßen, auch in Richtung AKP-Zentrale, vereinzelt ist von Schüssen auf Demonstranten zu hören. Augenzeugen berichten, dass sie auf die auffahrenden Panzer steigen oder gegen sie treten.

Es gibt aber auch die Nachricht, dass sich die Putschisten vom Flughafen in Istanbul wieder zurückziehen.

Derzeit sieht es nicht so aus, als würde sie "das Volk" in großer Zahl unterstützen.