ZEIT ONLINE: Nach 36 Jahren haben Teile des Militärs in der Türkei wieder geputscht. Hätten Sie das 2016 noch einmal für möglich gehalten?

Selahattin Demirtaş: Leider sind Militärputsche in Ländern wie dem unsrigen, wo die Demokratie nicht etabliert ist und jeder meint, die Staatsmacht für seine eigenen Interessen benutzen zu können, nicht außerhalb der Vorstellungskraft. Wir erleben eigentlich seit einem Jahr einen zivilen Putsch. Wir waren nicht überrascht, dass wo doch die Demokratie und das Recht so verletzt werden, ein Putsch versucht wurde.

ZEIT ONLINE: Was für eine Türkei werden wir von nun an erleben?

Demirtaş: Zurzeit ist das noch schwer zu sagen. Präsident Erdoğan wird entweder einmal seine eigenen Interessen oder die seiner Regierung beiseite lassen und ohne die Fehler der Vergangenheit eine bleibende Lösung finden, die die gesamte Gesellschaft umfasst – mit allen politischen und zivilgesellschaftlichen Kräften. Oder er wird diesen Putschversuch, den er als "Gunst Gottes" bezeichnete, dazu benutzen, alle, die gegen ihn sind, zu unterdrücken. Aber er kann machen, was er will: Es ist unmöglich, dass er damit Erfolg haben wird.

ZEIT ONLINE: Man hört in der Türkei in diesen Tagen überall den Satz: "Die Demokratie hat gewonnen." Hat sie?

Selahattin Demirtaş: An die Demokratie erinnern sich hier einige nur, wenn es ihnen nützt. Natürlich war es sehr wichtig, dass der Putsch verhindert wurde. Aber noch viel wichtiger ist, was nun danach passiert. Wenn man sich vor Augen führt, wie sie (die Regierung, Anm. d. Red.) bislang mit Krisen umgeht, gibt es nicht viel Hoffnung.

ZEIT ONLINE: Präsident Erdoğan und seine Regierung scheinen gestärkt, Regierungskritiker haben Sorge, als "Putschisten" gebrandmarkt zu werden. Wie kann die Opposition, vor allem die kurdische, nun mit ihrer Arbeit überhaupt weitermachen?

Demirtaş: Dieser Putschversuch hat die Türkei in eine totale Hysterie versetzt. Diese Hysterie an der Spitze des Staates hat die Gesellschaft angesteckt. In einer solchen Situation kann jeder jederzeit als Putschist beschuldigt werden. An den beiden anderen Oppositionsparteien, der MHP und der CHP, kann man gerade beobachten, dass diese Sorge das Handeln bestimmt, so wie die sich gerade neben die Regierung stellen. An der Aussage von Herrn Kılıçdaroğlu (Chef der CHP, Anm. d. Red.), die Regierung solle erst mal das Thema Todesstrafe ins Parlament bringen, und dann schauen wir mal, sieht man, in was für einer seelischen Verfassung die Opposition ist. Wir waren gegen den Putsch am 15. Juli – aber wir sind auch gegen einen zivilen Putsch, der sich von einer Opfererzählung nährt.

ZEIT ONLINE: Worauf müssen sich nun Minderheiten einstellen?

Demirtaş: Nach dem Putsch gab es in einigen Provinzen Angriffe auf unsere Büros. Einige Gruppen in Malatya und Hatay, die aus Protest gegen den Putschversuch auf die Straße gegangen waren, haben alevitische Viertel angegriffen. Zum Glück ist bislang nichts Schlimmeres passiert. Aber diese IS-mäßigen, fundamentalistischen Gruppen, die sich der Unterstützung der Regierung wähnen, könnten weiter verrohen und versuchen, Kurden, Aleviten, Linke und andere zu lynchen.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie von der Regierung?

Demirtaş: Die Regierung, oder besser gesagt Herr Erdoğan, sollte sich besinnen und verstehen, was für eine große Gefahr immer noch besteht, diese Gefahr aber nicht dazu benutzen, die Opposition zu unterdrücken. Denn so wird er sich nicht vor ihr retten. Solange die Kurdenfrage nicht gelöst ist, solange wir keine richtige Demokratie und freiheitliche Verfassung haben, wird es immer die Gefahr eines Putsches geben. Dass am 15. Juli der Putsch vereitelt wurde, kann eine Chance für die Demokratie werden, auch wenn ich diese Chance für sehr klein halte. Denn die AKP hat solche Chancen nie dazu genutzt, um die Demokratie zu stärken, sondern um ihre eigene Macht zu stärken und zu festigen. So war es auch bei der Waffenruhe der PKK oder in der Phase ihres Rückzugs.