Die Bilder sind grauenhaft. Ein Soldat liegt auf einer der Bosporus-Brücken, sein Hals wurde durchtrennt. In sozialen Netzwerken heißt es, der Mann sei von einem AKP-Mob ermordet worden, einer von 50 Soldaten, die gelyncht worden seien. Doch die Echtheit dieser Nachricht lässt sich nicht überprüfen. Wie so vieles, was im Moment in der Türkei geschieht. Denn die Lage ist unübersichtlich, es gibt viele Spekulationen und Verschwörungstheorien.

Sicher ist nur: Im Land hat es einen Putschversuch gegeben. Um die Kontrolle über Istanbul zu erlangen, sperrte das Militär unter anderem die beiden Bosporus-Brücken ab, die sensibelsten Punkte des Landes. Dort ereigneten sich laut Medienberichten blutige Szenen, als Regierungsgegner und Regierungsbefürworter aufeinander stießen. Das Militär verhängte das Kriegsrecht und eine Ausgangssperre für das ganze Land. Die Straßen in Istanbul waren wie leer gefegt.

Die Menschen versteckten sich in ihren Wohnungen und verfolgten die Nachrichten im Fernsehen. Dort konnten sie live miterleben, wie Soldaten in die Studios des Nachrichtensenders CNN Türk eindrangen. Vor laufenden Kameras fragten die Militärs, wie die Übertragung abgeschaltet werden kann. Plötzlich verließen alle das Studio, aber die Kamera lief weiter, es waren Schüsse und "Allah-u Akbar"-Rufe zu hören. Niemand wusste, ob jetzt nun ein Machtwechsel stattgefunden hatte oder die Regierung die Kontrolle zurückgewonnen hatte. 

Karte: Putschversuch in der Türkei

Wo geschah was in den entscheidenden Momenten?

Die Türken haben eine dramatische Nacht hinter sich: Bei dem versuchten Umsturz der Regierung sind mehr als 250 Menschen getötet worden. Im ganzen Land herrschte Chaos und Angst. In Istanbul gerieten die Menschen in Panik und warfen sich auf den Boden. Der Überschall der Militärjets knallte wie Explosionen. Trotz der Ausgangssperre und landesweiter gewaltsamer Ausschreitungen rief Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan seine Anhänger dazu auf, auf die Straßen zu gehen und ihn zu verteidigen. Und die Menschen folgten seinem Aufruf – nicht zu Millionen, wie regierungsnahe Medien behaupteten, aber zu Tausenden. 

Wohl niemand hatte mit diesem versuchten Staatsstreich gerechnet. In den sozialen Netzwerken häufen sich die Spekulationen, die gestrige Nacht sei eine Inszenierung von Erdoğan. Das Vorgehen der Soldaten sei viel zu unprofessionell für einen ernsthaften Putsch gewesen. Erdoğan wolle so nur noch mehr seine Machtposition festigen. Denn wenn es ihm nun gelingt, sich als starken Machthaber zu beweisen, der Ordnung in das Land bringt, dann – so die Hoffnung – kann die Regierungspartei AKP bei angestrebten Neuwahlen endlich die absolute Mehrheit erlangen und ein Präsidialsystem durchdrücken. "Dieser Aufstand, diese Bewegung ist wie ein Geschenk Gottes", sagte Erdoğan heute morgen im Flughafen in Istanbul. Dann lieferte er seine Begründung: "Dieser Putsch gibt uns die Gelegenheit, die Streitkräfte zu säubern."

"Es handelt sich um Terroristen"

Für Erdoğan bietet sich jetzt die Gelegenheit, ein wenig umzubauen. Der Machtkampf zwischen der Armee und dem jetzigen Staatspräsidenten ist historisch begründet. Die Armee sieht sich schon seit der Gründung der Republik 1923 als Hüter des Kemalismus. Das Selbstverständnis der Militärs basierte seit Atatürk darauf, den Staat als dessen Erbe zu verteidigen. Der Staatsgründer Kemal Atatürk war General, das Militär überall. Nach den USA hat die Türkei die größte Armee in der Nato.

Obwohl sich das Militär als "Hüter der Demokratie" betrachtet, wirkt es wie das Gegenteil: Es agiert im rechtsfreien Raum, setzt demokratische Prozesse – wie Wahlen – außer Kraft und verteidigt vor allem die eigenen – zahlreichen – Privilegien. Zwar legt die Verfassung fest, dass der Generalstabschef dem Ministerpräsidenten untergeordnet sei – in der Realität verhielt es sich jedoch umgekehrt. Und trotz des gesetzlichen Verbotes mischen sich die Generäle oft direkt in die Politik ein. "In den Kasernen werden zurzeit wieder die Stiefel geputzt, damit der erneute Marsch zur Macht reibungslos verläuft", lautete eine gängige Redewendung, wenn das Militär wieder drohte, die Macht an sich zu reißen.  Über Jahrzehnte waren die Generäle eine der bestimmenden Mächte des Landes, jetzt ist es Erdoğan. Und es sind seine Leute, die nun die Militärs jagen.

"Der Putsch kam aus dem Nichts, niemand hat der Armee mehr zugetraut, dass sie noch mächtig genug sei, um aufzubegehren. Medien berichteten nun, dass sich jetzt Teile der Armee verweigert hätten, an diesem Putsch teilzunehmen. Und gegen die Putschisten kann Erdoğan nun gnadenlos vorgehen, denn das Militär war die letzte kemalistische Bastion, auf die er nicht vollständigen Zugriff hatte. "Während wir hier sind, hat die Justiz damit begonnen, Majore festzunehmen. Es handelt sich hier um Terroristen", sagte Erdoğan.

Am Bosporus kehrt währenddessen allmählich wieder Normalität ein. Die terrorgeplagten Türken machen stoisch weiter. Die Straßen sind zwar deutlich leerer, als sonst zu dieser Tageszeit und für diesen Wochentag. Doch die ersten Restaurants und Läden auf der Istiklal-Straße – der Haupteinkaufsstraße der Stadt – öffnen zögerlich, die Menschen trauen sich trotz einer gestern verhängten Ausgangssperre wieder auf die Straßen. Nur die zahlreichen Polizisten erinnern daran, dass vor wenigen Stunden ein Militärputsch vereitelt wurde. Ansonsten könnte es tatsächlich auch ein ruhiger Feiertag sein.