9.000 Polizisten, fast 3.000 Richter: Die Zahlen seien schon etwas exzessiv, gibt der Sprecher der türkischen Regierung zu. Allerdings sei eine "Säuberung" in diesem Umfang nun mal notwendig, um nach dem Putschversuch des Militärs Unterstützer des Predigers Fethullah Gülen aus den staatlichen Institutionen zu entfernen. Schließlich wird der Bewegung Gülens, den die Türkei als Drahtzieher des Putschs beschuldigt, schon lange vorgeworfen, Justiz und Polizei infiltriert zu haben.

Von Gülen-Anhängern im türkischen Beamtentum wusste man bisher allerdings nichts. Trotzdem verloren auch 1.500 Angestellte des Finanzministeriums, 8.777 des Innenministeriums, 393 des Familienministeriums, 492 des Ministeriums für Religionsangelegenheiten und 257 Mitarbeiter des Ministerpräsidentenamts infolge des gescheiterten Umsturzversuchs ihren Job.

Dazu suspendierte das Bildungsministerium am Dienstagnachmittag mehr als 15.000 Beamte und kündigte die Lehrlizenzen von 21.000 Angestellten privater Institutionen. Der türkische Hochschulrat forderte außerdem alle Rektoren staatlicher und privater Universitäten zum Rücktritt auf. Was Lehrer mit dem Putsch zu tun hatten, mag kein Regierungssprecher erklären.

Die Europäische Union zeigte sich alarmiert. Erweiterungskommissar Johannes Hahn äußerte die Vermutung, dass die Suspendierungen schon vor dem versuchten Putsch geplant waren. Oppositionspolitiker warnten Präsident Recep Tayyip Erdoğan, den Putsch nicht zu seinem politischen Vorteil zu nutzen.

Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) reagierte besorgt. Die Geschwindigkeit und das Ausmaß deute eine "Säuberung" statt eines fairen Prozesses an, sagte Hugh Williamson, der Europa- und Zentralasiendirektor von HRW. "Die türkischen Bürger, die auf die Straße gingen, um die Demokratie zu verteidigen, verdienen eine Antwort, die die Rechtsstaatlichkeit wahrt und die Medienfreiheit schützt."

Der Massenaufstand gegen die Putschisten wurde international auch als Triumph der Demokratie gefeiert, doch es ist Erdoğan — und nicht die türkische Demokratie —, der aus dem gescheiterten Coup siegreich hervorgehen wird. Es sind seine Unterstützer, die konservativen und religiösen Wähler, die seit Freitagnacht bei Sonnenuntergang auf die Straße gehen, singend und Fahnen schwenkend.

Dabei hatten die Türken und ihre Politiker während des Putschversuchs eine seltene Einheit gezeigt. Abgeordnete trafen sich im Parlament und riefen die Bürger zum Widerstand auf, als Kampfflugzeuge über Ankara dröhnten. Während Bomben auf das Parlament fielen, verfassten die vier sonst so tief gespaltenen Parteien eine Stellungnahme, in der sie gemeinsam den Putsch verurteilten. "Das war wichtig. Was auch immer unsere Unterschiede sind, wir müssen sie demokratisch lösen", sagte Oktay Vural, ein Abgeordneter der nationalistischen MHP, die sonst die prokurdische HDP als Unterstützer der verbotenen PKK verteufelt.