Über die weiteren Vorgänge in der Türkei informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

Es ist eine gespenstische Szenerie. Gegen zwei Uhr nachts türkischer Zeit ist der Imam über der Stadt zu hören. Das arabische Gebet vermischt sich mit Gewehrschüssen und dem Krach, den die Helikopter in der Luft verursachen. Die Straßen in dem Istanbuler Viertel Cihangir unweit des Taksim-Platzes sind weitgehend leer. Nur zwei Stunden zuvor haben die Menschen panisch an den Geldautomaten und Kiosken angestanden, um sich mit Geld und Lebensmitteln einzudecken. In türkischen Medien wird von einem Militärputsch gesprochen. Doch was wirklich los ist, weiß niemand so recht.

Auch die deutsche Botschaft in der Türkei hat keinen Überblick, was eigentlich in dieser Nacht in der Türkei geschieht. Im Namen des Botschafters Martin Erdmann, wird eine Mail an alle in der Türkei lebenden Deutschen versandt: "Liebe Landsleute, am Abend des 15. Juli 2016 kam es in Ankara und Istanbul zu starker Militärpräsenz und dem Einsatz von Schusswaffen. Vertreter von Militär und Regierung sprachen gegenüber den Medien von einem Putschversuch. Zur Stunde ist die Lage noch unklar", heißt es in der Mail. 

Und weiter: "Reisenden in Istanbul und Ankara wird zu äußerster Vorsicht geraten. Dies gilt insbesondere auf öffentlichen Plätzen und für Menschenansammlungen. Bei unklarer Lage wird geraten, Wohnungen und Hotels im Zweifel nicht zu verlassen und die Medienberichterstattung aufmerksam zu verfolgen."

Augenzeugen berichten, dass AKP-Anhänger mit Allahu-Akbar-Rufen Richtung Taksim-Platz marschieren. Tausende AKP-Anhänger haben sich auf dem Taksim-Platz versammelt, sie schwenken die türkische Flagge, es werden immer mehr. Die Demonstration ist friedlich, aber aus der Ferne sind auch von hier Gewehrschüsse zu hören. Auch aus anderen Stadtteilen in Istanbul wie Besiktas und Usküdar wird von Schüssen berichtet. In der gesamten Stadt sind Militärs mit Maschinengewehren unterwegs. 

In sozialen Netzwerken wird schon spekuliert, dass die Regierung selbst hinter den Putsch stecke. Denn was zusätzlich zu dem ganzen Chaos irritiert, ist die Tatsache, dass offenbar nur Teile des Militärs hinter dem Putsch stecken. Denn wenn das gesamte Militär geschlossen gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan revoltieren würde, hätten sie inzwischen wohl schon die gesamte Macht übernommen. Erdoğan aber hat angekündigt, dass sowohl vom Boden als auch von der Luft gegen die Demonstranten vorgegangen werde.

Auch der wegen Spionage zu fünf Jahren Haft verurteilte Cumhuriyet-Chefredakteur Can Dündar mutmaßt auf Twitter, dass dieser Putsch vor allem Erdoğan auf dem Weg zu einer Präsidialregierung nütze.

Mittlerweile sind die Straßen in Cihangir leer. Durch die Fenster ist zu sehen, wie die Menschen vor dem Fernseher sitzen. Lediglich der Krach von Kampfjets und Schüsse sind zu hören. Ministerpräsident Binali Yıldırım sagt, Ankara habe die Situation unter Kontrolle, die Bevölkerung solle sich nicht sorgen.