Man fragt sich, was noch kommt. Zwei Tage nach dem gescheiterten Putsch werden Hunderte Richter ihrer Posten enthoben. Drei Tage danach werden Zehntausende Beamte gefeuert. Vier Tage danach werden Universitätsrektoren und Lehrer in Massen entlassen. Fünf Tage nach dem Putsch verhängt Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Ausnahmezustand in der Türkei. Sechs Tage danach setzt die Türkei Teile der Europäischen Menschenrechtskonvention aus. Fortsetzung folgt.

Als Angegriffener des Putschversuchs greift Erdoğan nun zu jedem denkbaren Mittel, um sich im eigenen Land endlich sicher zu fühlen. Er will jeden Coup ein für alle Mal ausschließen. Das wirkt deshalb so überzogen, weil Erdoğan in der Nacht des 15. Juli eine Unterstützung erfuhr, die er in seiner Amtszeit zuvor nie erlebt hatte. Noch bevor die Kämpfe entschieden waren, stellte sich die gesamte Opposition hinter ihn, die Parteien, die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen, dazu die westlichen Verbündeten von Deutschland bis zu den USA.

Dies hätte die große demokratische Versöhnung einleiten können. Stattdessen folgt nun die große Säuberung.

Klar ist: Die Suche nach hundertprozentiger Sicherheit vor dem vermeintlichen Feind richtet jetzt schon Verwerfungen an, die zum massiven Verlust von Sicherheit führen. Für die Gesellschaft, für den Staat und für das ganze Land.

Überall im Land wird der unsichtbare Feind gesucht. Recep Tayyip Erdoğan hat ihm einen Namen gegeben: Fethullah Gülen, der konservative Sufi-Prediger im amerikanischen Exil, und seine Anhänger in der Türkei. Das Problem ist nur, dass diese Bewegung keine Mitgliedsausweise, keine Teilnehmerlisten, kein Erkennungsmerkmal hat. Man kann sich von dem Prediger angezogen fühlen, Geld für seine Institute spenden oder auf eine der vielen Schulen der Bewegung gehen. Viele türkische Studenten haben vor dem Aufnahmeexamen für die Universität Nachhilfe in diesen Schulen genossen. Ist jeder Absolvent ein Angehöriger der "geheimen Parallelstruktur"?

Gerade weil das unklar ist, eignet sich die Gülen-Bewegung so wunderbar als Etikett für jede Form unerwünschter Opposition. Von wenigen Türken kann man fest behaupten, sie seien Gülen-Anhänger. Aber niemand kann beweisen, dass er nicht doch insgeheim dazugehört. Also kann es potenziell jeder sein. Der Türkei droht somit nun das große Denunzieren. Stress mit dem Chef gehabt? Ein Anruf bei der AKP genügt – er könnte Gülenist sein. Der Nachbar nervt mit lauter Volksmusik? Sicherlich ein Mann der Parallelstruktur. Das Prinzip Hexenjagd kann der Gesellschaft jedes Gefühl von Sicherheit rauben.

Sicher wähnt sich nur der, der vertraut

Im Staat geht jetzt der eiserne Besen um. Die Zahl der entlassenen Beamten, Richter, Polizisten, Staatsanwälte ist so groß, dass man sich um das schlichte Funktionieren des türkischen Staates Sorgen machen muss. Was passiert in den Ämtern, wenn niemand eine Übergabe an seinen Nachfolger macht? Wie verwaltet man einen Staat, wenn erhebliche Teile der Beamtenschaft völlig neu anfangen und sich einarbeiten müssen? Wie arbeiten Behörden, wenn das institutionelle Gedächtnis verloren geht? Wenn eines in der Türkei sicher war, dann, dass sie einen rundum funktionierenden Staat hatte – im Gegensatz zu den Nachbarländern. Diese Sicherheit ist vorerst dahin.

Das Herz des türkischen Staates war seit seiner Gründung die Armee. Sie maßte sich neben den militärischen Funktionen leider auch politische Aufgaben an, nämlich die Wahrung des Erbes von Staatsgründer Kemal Atatürk. Das wurde zum Fluch: Die Armee hat vier Mal die Regierung weggeputscht – und es zwei Mal bei Erdoğan versucht. Jetzt wird sie von Grund auf umgepflügt. Generäle werden entlassen, Offiziersränge gesäubert.

Das mag nötig sein, vor allem bei der Luftwaffe, die das Parlament bombardierte. Aber diese Armee steht im Krieg. Gegen die PKK und ähnliche Terrorgruppen und gegen die Dschihadisten des "Islamischen Staates". Wie effizient ist eine Armee, in der viele Offiziere nicht wissen, ob sie morgen als "Parallelgeneral" im Gefängnis landen? Auch das ist ein Verlust an Sicherheit.

Die Ironie an Erdoğans großem Saubermachen ist: Mit jeder Maßnahme schafft der Präsident sich neue unsichtbare Gegner, neue Ausgegrenzte, neue Parallelstrukturen im eigenen Land. Die Logik des Ausnahmezustands ist, dass Erdoğan und seine AKP sich niemals sicher fühlen werden. Denn sicher wähnt sich nur der, der vertraut. Doch Vertrauen ist das, was in der Türkei gerade nachhaltig zerstört wird.