Die türkische Regierung hat nach dem gescheiterten Putsch von Teilen des Militärs 1.800 zusätzliche Spezialkräfte der Polizei in Istanbul zusammengezogen. Die Einheiten mit gepanzerten Fahrzeugen sollen strategisch wichtige Einrichtungen und Straßen sichern, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Der Polizeichef Istanbuls, Mustafa Çalışkan, habe zudem den Befehl gegeben, unbekannte Hubschrauber ohne Vorwarnung abzuschießen.

Die Polizei hatte während des Umsturzversuchs überwiegend zur Regierung gehalten. Trotzdem hat der Putsch auch hier Folgen: Das Innenministerium entlässt laut Angaben von Anadolu mehr als 13.000 Staatsbedienstete, darunter 7.899 Polizisten sowie 2.745 Justizbeamte und fünf Mitglieder des Hohen Rates der Richter und Staatsanwaltschaft (HSYK). Nicht in der Zahl der Suspendierungen enthalten sind die 6.038 Soldaten, die nach Angaben der Regierung bislang festgenommen wurden. Insgesamt kam es demnach zu 7.543 Festnahmen seit dem Putschversuch vom Freitagabend.

Laut Angaben aus Regierungskreisen patrouillierten in der Nacht zu Montag im gesamten Luftraum der Türkei Kampfflugzeuge. Putschisten hatten bei ihrem Umsturzversuch in der Nacht zu Samstag Kampfjets sowie Hubschrauber genutzt und unter anderem das Parlament in Ankara bombardiert.

Vorbereitete Listen?

Die türkische Regierung reagierte auf den Umsturzversuch mit der Festnahme von rund 6.000 Menschen und der Absetzung Tausender Richter: Ein schneller Schritt, der vielerorts als Indiz gewertet wird, dass entsprechende Listen bereits existierten.

Diese Ansicht teilt der EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn. "Dass Listen direkt nach den Vorkommnissen vorhanden waren, deutet darauf hin, dass sie vorbereitet waren und zu einem bestimmtem Moment genutzt werden sollten", sagte der österreichische ÖVP-Politiker. Die EU-Kommission habe gleich nach dem Putsch die Erwartung geäußert, dass die Aufarbeitung des Umsturzversuchs nach internationalem Recht erfolge. "Nach dem, was wir sehen, ist das nicht wirklich der Fall."

In der Nacht zu Montag folgten erneut zahlreiche Türken den wiederholten Aufforderungen von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, sich auf den Straßen und Plätzen zu versammeln, um diese nicht möglichen weiteren Putschisten zu überlassen. "Aufhören gilt nicht, Weggehen gilt nicht. Wir lassen die Plätze nicht leer", hatte Erdoğan am Sonntagabend getwittert.

Verteidigungsminister Fikri Işık forderte die Menschen nach Angaben des türkischen Senders NTV auf, "jede Äußerung unseres Präsidenten aufmerksam zu verfolgen und solange draußen zu bleiben, bis er sagt: Es reicht, ihr könnt wieder nach Hause gehen." Der Putsch sei verhindert, doch könne noch nicht gesagt werden, dass die Gefahr vorbei sei.

Übergriffe gegen Minderheiten

Bei Demonstrationen gegen den Putschversuch kam es Medienberichten zufolge zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Regierungspartei AKP und Minderheiten. In der zentralanatolischen Stadt Konya hätten AKP-Anhänger versucht, ein überwiegend von christlichen Aramäern bewohntes Viertel zu stürmen, berichtete die Zeitung Cumhuriyet. Polizisten hätten das verhindert, bei Zusammenstößen seien fünf Aramäer verletzt worden.

Karte: Putschversuch in der Türkei

Wo geschah was in den entscheidenden Momenten?

Die Nachrichtenagentur DHA meldete, auch in der osttürkischen Stadt Malatya sei es zu Spannungen gekommen. In einem alevitisch geprägten Viertel hätten AKP-Anhänger gerufen: "Die AKP ist hier, wo sind die Aleviten?" Sicherheitskräfte hätten Warnschüsse abgeben müssen, um Zusammenstöße zu vermeiden.

Der Putschversuch war am späten Freitagabend gestartet und nach wenigen Stunden zusammengebrochen. Behördenangaben zufolge starben knapp 294 Menschen. Nach dem gescheiterten Coup wird in der Türkei die Wiedereinführung der Todesstrafe diskutiert. Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn warnte davor, diese wieder einzuführen. "Wenn die Todesstrafe in einem Beitrittsland eingeführt wird, dann sind die Beitrittsverhandlungen von diesem Land abgewürgt", sagte Asselborn im ZDF-Morgenmagazin. Erdoğan hat angekündigt, bald mit der Opposition über die Wiedereinführung der Todesstrafe sprechen zu wollen.