Was für eine Nacht: Der 15. Juli 2016 wird seinen festen Platz in den türkischen Geschichtsbüchern bekommen als die Nacht, in der Teile des Militärs nach 36 Jahren zum vierten Mal seit der Gründung der Republik 1923 offen den Aufstand gegen eine gewählte Regierung probten. Die Lage ist immer noch unübersichtlich, auch widersprechen sich Angaben über Zahl der Toten unter Soldaten, Polizisten und Zivilisten, es gibt unzählige Festnahmen – aber fest steht: Dieser Putschversuch wurde vereitelt.

Dabei waren die Entwicklungen in der Nacht dramatisch: Kollegen und Bekannte in Ankara und Istanbul berichteten mir über Telefon und soziale Medien über Schießereien auf den Straßen. Auch erzählten sie, ständig Explosionen zu hören, später stellte sich heraus, dass es wohl die Geräusche der sehr tief fliegenden Kampfjets waren. Die Putschisten sollen auf Menschenmengen geschossen haben; später, nach der Vereitelung, gab es Berichte, wonach einem Putsch-Soldaten auf einer der Bosporusbrücken der Kopf abgetrennt worden sei.

Staatspräsident Tayyip Erdoğan und Mitglieder seiner Regierung, die mehrmals per FaceTime in die Livesendungen von CNN Türk zugeschaltet wurden, riefen die Bevölkerung dazu auf, "für die Demokratie" auf die Straßen zu gehen. Das taten auch viele Menschen, die meisten Demonstrationen verliefen friedlich, teilweise gab es aber Berichte über aggressive Demonstranten, die Putsch-Soldaten, unter ihnen viele einfache Wehrdienstleistende (Mehmetçik) schlugen, festhielten, bedrängten.

Karte: Putschversuch in der Türkei

Wo geschah was in den entscheidenden Momenten?

Türkische Kollegen vor Ort wiesen verwundert daraufhin, dass so viele "Kinder mit Waffen" um sie herumstanden, die sich an ihre Maschinenpistolen klammerten, die auch nicht genau zu wissen schienen, was sie nun eigentlich machen sollten. Das sagte etwa einer der verantwortlichen Redakteure bei CNN Türk, deren Studio von den Putschisten gestürmt wurde.

Besonders heftig muss die Situation in der Hauptstadt Ankara gewesen sein, wo Institutionen des Staates angegriffen wurden: der Generalstab, das Parlament, die Polizeidirektion, der Geheimdienst.

Was ist da eigentlich passiert?

Nun bleibt die Frage: Was für eine Türkei wird es von Tag eins an nach diesem Putschversuch geben? Und was zum Teufel ist da eigentlich passiert?

Die Regierung spricht davon, dass es sich um eine kleine Gruppe innerhalb der Armee gehandelt habe, Anhänger der von ihr als Terrororganisation eingeschätzten Bewegung des in den USA im Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen. Einst waren Erdoğans Partei AKP und die Gülen-Bewegung politisch verbündet, jetzt sind sie bitter verfeindet.

Über den Bruch und das, was die Gülen-Bewegung will, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Viele Beobachter in der Türkei halten und hielten die Bewegung für einflussreich, und das nicht nur, weil sie Tausende Schulen, Nachhilfeeinrichtungen und Studentenwohnheime in der ganzen Welt bauen und unterhalten; zu der Bewegung zählten bis vor Kurzem auch auflagenstarke Zeitungen (Zaman) und quotenstarke Fernsehsender. Eine Bank und unterschiedliche Firmen gehörten ebenfalls dazu. Die Regierung stufte die Bewegung als so gefährlich ein, dass sie die meisten dieser ihr bis dahin nahe stehenden Einrichtungen zerschlug. Seit geraumer Zeit gibt es Razzien und Festnahmen. Staatsanwälte, die der Bewegung zugerechnet werden, sollen auch die Ermittlungen in der Korruptionsaffäre im Dezember 2013 initiiert haben, in die Mitglieder der Regierung unter Erdoğan, damals noch Premierminister, verstrickt gewesen sein sollen. Für sie war das damals ebenfalls der Versuch eines Staatsstreiches.

War es die Gülen-Bewegung?

Die Anhänger von Gülen sehen in ihm einen Heilsbringer und Friedensstifter, das Time-Magazin zählte den Religionsgelehrten zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Er predigt seinen Anhängern den Dialog der Religionen, er sagt, dass Moderne und Religion sich nicht ausschließen. Das klingt sehr versöhnlich. Doch auf der anderen Seite behauptet er, die Regierung und ihre Anhänger seien Terroristen.

Und dann gibt es noch ernstzunehmende Kollegen und Beobachter in der Türkei, die keine Anhänger der AKP sind und dennoch sagen: Die Gülen-Bewegung sei eine streng hierarchische Organisation, vergleichbar mit Opus Dei, die ihre gut ausgebildeten Anhänger an wichtige Schaltstellen des Staates setze, um die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umzugestalten. In der Polizei, der Justiz, im Militär. Der investigative Journalist Ahmet Şık etwa hatte ein Buch über die Gülen-Bewegung geschrieben und kam dafür ins Gefängnis – noch bevor das Buch überhaupt gedruckt wurde.