ZEIT ONLINE: Herr Brakel, wie realistisch ist die Schuldzuweisung von Erdoğan an die Gülen-Bewegung Hizmet?

Kristian Brakel: Das kann man überhaupt nicht einschätzen. Es passt natürlich gut in das Weltbild des Präsidenten: Als die Gülen-Bewegung und die AKP sich zerstritten haben, gab es einen Korruptionsskandal, den Erdoğan und die AKP schon damals als verdeckten Putschversuch bezeichnet haben. Es kann auch sein, dass ein Putsch ernsthaft in Erwägung gezogen wurde. Welche Fraktionen des Militärs aber für die Ereignisse gestern verantwortlich waren, ist unklar. Es gibt nur einen Hinweis, den Erdoğan auch in seiner Pressekonferenz erwähnt hatte: Für Anfang August war vorgesehen, dass sich der oberste Militärrat trifft. Unter anderem sollte diskutiert werden, wie das Militär von Gülenisten gereinigt werden kann. Sie könnten dieser Aktion also mit dem Putschversuch vorgegriffen haben.

ZEIT ONLINE: Hätte die Gülen-Bewegung überhaupt genug Einfluss für einen Putsch?

Brakel: Die Bewegung hat in der ganzen Gesellschaft eine große Machtbasis, von daher hat sie sicher auch Unterstützer in der Armee. Traditionell wurde sie eher von der Polizei unterstützt, die aber jetzt der Regierung gegenüber sehr loyal war – vermutlich, weil sie in den letzten Jahren von vielen Säuberungen betroffen war. Es könnte auch sein, dass sich verschiedene Interessen innerhalb der Armee zusammengefunden haben und zum Beispiel einige Kemalisten den Putschversuch unterstützt haben.

ZEIT ONLINE: Worin unterscheiden sich die beiden Gruppen, also Gülenisten und Kemalisten?

Brakel: Kemalisten sind die alte Elite der türkischen Republik, die sich als Nachfolger Atatürks und als Hüter der republikanischen Werte sehen. Dazu gehört auch die Integrität des Landes, deswegen haben sie sich immer sehr stark gegen die Kurden engagiert. Ein Putsch durch die Kemalisten könnte man als letztes Aufbäumen der alten Elite gegen die Umstrukturierung der Republik sehen.

Die Gülenisten sind eher konservativ und haben lange mit der AKP an einem Strang gezogen, auch bei dem Abbau der türkischen Demokratie haben sie mitgemacht. Grund für den Konflikt ist weniger Ideologie und mehr die Tatsache, das Gülen und Erdoğan selber zerstritten sind. Das könnte auch einen finanziellen Hintergrund haben, das weiß man aber nicht.

ZEIT ONLINE: Warum hat man auf Fotos vor allem junge Soldaten gesehen und warum wurde der Befehlshaber der Streitkräfte, Hulusi Akar, gleich zu Anfang von den Putschisten festgenommen?

Brakel: Es hat viele Leute sehr überrascht, dass es einen Putsch gab. Eigentlich sind Beobachter davon ausgegangen, dass die AKP die Möglichkeiten für das Militär stark beschnitten hat. Außerdem hat die Regierung sich der Armeeführung durch den gemeinsamen Kampf gegen die PKK wieder angenähert. Als es im April Gerüchte über einen Putsch gab, versicherte die Armeeführung, dass sie die Regierung unterstützt. Die Armeeführung scheint sich also mit der AKP arrangiert zu haben, die Leute unter ihnen aber nicht unbedingt. Der abgesetzte General Akar war auch noch nicht lange in seiner Position und sehr regierungsnah, von daher ist es keine Überraschung, dass er gleich zu Anfang festgenommen wurde.

ZEIT ONLINE: Den letzten Militärputsch in der Türkei gab es 1980. Gibt es Unterschiede zu früheren Versuchen?

Brakel: Meist hat das Militär als Ganzes geputscht, hier hatten die Beteiligten anscheinend eher niedrigere Ränge. Auch dass zumindest ein Teil der Bevölkerung für Regierung und Präsidenten kämpft, ist neu. In der Vergangenheit haben die Putsche die Leute kaum interessiert und manche haben sie sogar begrüßt. Sie erwarteten, dass die Armee die Ordnung zurückbringt. Auch das Verhalten des Auslands war anders: Im Kalten Krieg haben die Europäer und US-Amerikaner beide Augen zugedrückt. Für sie war das türkische Militär ein Garant westlicher Sicherheitsinteressen. Das ist jetzt nicht mehr der Fall.

Karte: Putschversuch in der Türkei

Wo geschah was in den entscheidenden Momenten?