Angesichts der angespannten Sicherheitslage will US-Präsident Barack Obama deutlich mehr Soldaten in Afghanistan belassen als geplant – und erfreut mit dieser Entscheidung die afghanische Führung um Präsident Aschraf Ghani. Per Tweet sprach er von einem Zeichen der andauernden Partnerschaft zwischen den beiden Nationen im "Kampf gegen den gemeinsamen Feind und für eine Stärkung regionaler Stabilität".

Obama verkündete seine Entscheidung unmittelbar vor dem Nato-Gipfel in Warschau. Dort wird er Ghani treffen und zusammen mit den Regierungschefs der übrigen Bündnispartner auch über die Finanzierung der afghanischen Streitkräfte bis 2020 sowie die Zukunft der Nato-Trainingsmission Resolute Support diskutieren. Für die US-Regierung ist die Sicherheitslage am Hindukusch noch immer "prekär", so Obama. Die Taliban-Milizen seien "weiterhin eine Bedrohung" und die afghanischen Truppen noch "nicht so stark, wie sie sein müssten".

Bis zum Ende seiner Amtszeit im Januar 2017 will Obama deshalb doch 8.400 Soldaten in Afghanistan belassen und nicht wie angekündigt auf 5.500 Mann reduzieren. Durch die Änderung werde es seinem Amtsnachfolger ermöglicht, "mit der notwendigen Flexibilität auf die Entwicklung der terroristischen Bedrohung zu reagieren", sagte er.

Die Vorgaben für den Truppenabzug waren in den vergangenen Jahren mehrfach reduziert worden. Offenbar haben die zahlreichen Attacken der radikalislamischen Taliban in Washington zu einem Umdenken geführt. Hinzu kommt ein im Juni veröffentlichter Bericht des Pentagons, demzufolge sich die Menschen in Afghanistan in ihrem Land so unsicher wie seit langem nicht mehr fühlen. Hintergrund sei eine Rekordzahl von Todesopfern in der Zivilbevölkerung und unter den örtlichen Sicherheitskräften bei zunehmenden Gefechten und Selbstmordanschlägen. 42 Prozent der Afghanen sind demnach der Meinung, dass es um die Sicherheit schlechter bestellt sei als während der Taliban-Herrschaft von 1996 bis zur US-Invasion Ende 2001.

Insgesamt sind derzeit noch etwa 13.000 ausländische Soldaten in Afghanistan stationiert, darunter 980 deutsche Soldaten. Sie sollen afghanische Sicherheitskräfte beraten, ausbilden und unterstützen. Das US-Militär ist Zentrum des Nato-Einsatzes in Afghanistan. Die Westeuropäer hatten klar gemacht, dass sie die Präsenz ihrer Truppen an den Verbleib der US-Armee knüpfen. Die erneute Verzögerung des Truppenabzugs ist auch ein Fingerzeig Obamas an die Nato-Verbündeten, sich auch künftig stärker in Afghanistan militärisch zu engagieren.

Die Reaktionen in Washington waren gespalten, viele sprachen von einer eher politischen denn militärischen Entscheidung des Präsidenten. Republikanische Führer im Kongress, die eine größere Zahl von Streitkräften befürwortet hatten, sagten, der neue Plan sei dem alten in jedem Fall vorzuziehen. Allerdings, so etwa der Senator Lindsey Graham, hätte Obama auch die volle Einsatzstärke von 9.800 Soldaten beibehalten können. Der teilweise Rückzug erhöhe nun die Gefahr für die verbleibenden Soldaten.