Die innen- und außenpolitischen Folgen des Putschversuchs in der Türkei bannen unsere Aufmerksamkeit: Kommt jetzt die Todesstrafe? Wie weit werden die begonnenen "Säuberungsaktionen" noch gehen? War das alles nun ein Gewinn für die Demokratie oder ein Rückfall in noch undemokratischere Zeiten? Welche Auswirkungen wird das auf die deutsch-türkischen Beziehungen haben? Diese Fragen lassen sich nicht angemessen beantworten und verstehen, ohne einen Blick in die spezifischen historischen, sozialen und psychologischen Grundlagen der türkischen Gesellschaft zu werfen.

Fest steht: Die Türkei ist uns lebensweltlich wesentlich näher als die etwa 2.000 Kilometer räumliche Distanz es manchmal suggerieren. Das liegt nicht nur an den rund drei Millionen türkischstämmigen Menschen hier, sondern auch an der jüngst immer deutlicher gewordenen Notwendigkeit der politischen Zusammenarbeit – wie etwa in der Flüchtlingskrise, bei der Sicherung der Außengrenzen der EU, aber auch, weil die Türkei die Funktion einer wirtschaftlich-politischen Brücke zum Nahen und Mittleren Osten besitzt. Europa, und insbesondere Deutschland, kann einem Teil seiner politischen Verantwortlichkeiten nicht nachkommen, ohne die Türkei angemessen zu berücksichtigen.

Zugleich wächst – nicht nur im Kontext des vereitelten Putsches – die Irritation über das Verhalten der türkischen Politik, insbesondere ihrer Eliten und ihres Präsidenten. Aber auch über das Wahlverhalten der türkischen Bevölkerung in der Türkei wie auch in Deutschland, die zu 50 bis 70 Prozent hinter der AKP steht.

Das Protestpotenzial in der Türkei angesichts eines sich immer autoritärer gebärdenden Staates ist durchaus groß. Das hat sich exemplarisch ab dem Mai 2013 in dem Konflikt um die Bebauung des Istanbuler Gezi-Parks gezeigt. Gleichwohl hat dieser Protest kaum nachhaltige Folgen und Veränderungen im politischen Regierungshandeln entfaltet.

Die Türkei gehört im Nahen Osten neben Israel zu den widersprüchlichsten Ländern: Auf der einen Seite sind täglich Tote durch Terror und militärische Interventionen zu verzeichnen, auf der anderen Seite herrscht in weiten Landesteilen business as usual, die Spannungen werden mehr oder weniger achselzuckend als Teil der Normalität hingenommen. Die Vorstellung, in München würden 20 Menschen getötet und in Hamburg ginge das Leben seinen gewohnten Gang, und das nicht als ein außerordentliches, außeralltägliches Ereignis, sprengt in Deutschland zu Recht unser Vorstellungsvermögen.

Putschversuch - "Man muss mit der Angst leben" Wie Türkeistämmige in Berlin-Kreuzberg die Putschnacht in der Türkei erlebt hat.

Gewohnte Erklärungsmuster greifen nicht

Ab 1983, nach dem Ende der Militärregierung, hat die Türkei eine ambivalente Entwicklung genommen: Auf der einen Seite gab es eine deutlich stärkere Öffnung nach Westen, in der das Land unter Turgut Özal mit einem wirtschaftsliberalen Programm an Europa herangeführt und aus der politisch-wirtschaftlichen Isolation und Underdog-Position befreit wurde. Auf der anderen Seite kam es jedoch zu einer starken Entpolitisierung und insbesondere Entmachtung der sogenannten linken Bewegungen. Spätestens seit 1994 hat die Türkei einen deutlichen Rechtsruck im Parteienspektrum erlitten. Seit 1995 – also noch vor der AKP-Machtübernahme – ist die türkische Gesellschaft stärker religiös und konservativ geworden; vor allem wurden bei Männern immer autoritärere, intolerantere und altmodischere Tendenzen festgestellt.

Die jetzt regierende AKP hat diese Tendenzen aufgegriffen und noch weiter ausgebaut. Empirische Studien zum Wertewandel belegen eine starke Zunahme der Religiosität und eine hohe Intoleranz gegenüber ethnischen, sexuellen (Homosexuelle) und sozialen Minderheiten wie etwa Drogenabhängigen. In der Minderheit zu sein ist in der Türkei heute ein riskantes Unterfangen.

Auf westlichen Entwicklungen basierende Annahmen gehen davon aus, dass ein kultureller Wertewandel dann stattfindet, wenn die nachfolgende Generation in einem existenziell abgesicherten Umfeld aufwächst. Unter diesen Umständen ist eher mit Selbstentfaltungswerten wie künstlerischer und intellektueller Kreativität oder einer Zunahme liberaler Auffassungen zu rechnen. Nun erlebt die Türkei seit einigen Jahren ein großes Wirtschaftswunder. So rangierte sie beispielsweise mit fast zweistelligen Wachstumszahlen in den Jahren 2011/2012 nur knapp hinter dem Spitzenreiter China. Dieser dynamische Wirtschaftsaufschwung, der manches krisengebeutelte europäische Land neidisch macht, geht aber in der Türkei nicht mit politischer und gesellschaftlicher Liberalisierung einher. Unsere gewohnten Erklärungsmuster stocken hier ein wenig.