Wer in der Stadt bleibt, "wird zerstört werden" – so lautete die unmissverständliche Drohung, abgeworfen von russischen Jets. Nur wenige Tage sollten den Menschen bleiben, bis sie als "Terroristen und Banditen" zu einem legitimen militärischen Ziel würden. Man hatte sie ja gewarnt. Auf einem Flugblatt hieß es: "Vergesst nicht: Der Schutz des Lebens und die Herstellung von Sicherheit für die Zivilbevölkerung sind der Hauptauftrag der russischen Truppen." Grosny war umzingelt im Dezember 1999, Russland wollte die tschetschenische Hauptstadt mit Artillerie und Bombardements so weit verwüsten, dass die Rebellen sie nicht mehr verteidigen konnten. Nur wenige wagten die Flucht. Von dem harten Ultimatum rückte Moskau schließlich nach scharfen internationalen Reaktionen ab, doch am Ende war die Zerstörung so maßlos wie das Leid – und der Krieg entschieden.

Dieselbe Taktik ist in diesen Tagen in Aleppo zu beobachten. Bis zu 300.000 Menschen sind in der einstigen Wirtschaftsmetropole Syriens seit Mitte Juli eingeschlossen. Die Angriffe der Regimekräfte, Assads schiitischer Waffenbrüder aus dem Iran und dem Libanon, insbesondere aber die russischen Luftschläge stellen die Menschen vor die Wahl: Geht oder sterbt. Das gilt für die moderaten Gruppen, etwa die kurdischen YPG-Einheiten und die Überreste der Freien Syrischen Armee, wie für die dschihadistischen Milizen, die dort vertreten sind. Doch Kämpfer, welcher Couleur auch immer, oder Zivilist, das spielt schon lange keine Rolle mehr, wenn Bomben auf Krankenhäuser fallen und der Hunger in den letzten von Rebellen gehaltenen Vierteln für alle gleich ist.

Die Erinnerung an Grosny lässt erahnen, dass der Stadt das Schlimmste womöglich noch bevorsteht – so schwer das auch vorstellbar sein mag. Die Perversion dieses Kriegs ist kaum noch zu übertreffen, wenn Russland zuletzt glauben machen will, eine "groß angelegte humanitäre Operation" werde begonnen, wie Verteidigungsminister Sergej Schoigu es zuletzt nannte. Aus Hubschraubern wurden Tee, Zucker und Marmelade abgeworfen, tausendfach. Dazu Flugblätter, die auf einer Karte Fluchtrouten zeigen und dazu auffordern, die Stadt zu verlassen. Die syrische Regierung sicherte Kämpfern, die sich ergeben, eine volle Amnestie zu. Ein anderer Korridor ermögliche den freien Abzug. Für die Menschen aus Aleppo sollen außerhalb Notunterkünfte bereitstehen, wo sie mit allem versorgt würden, berichtet die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana.

In der Provinz Idlib wurde am Montag ein russischer Helikopter abgeschossen, der angeblich auf dem Rückweg von einer "humanitären Mission" in Aleppo war: Typ Mi-8AMTSh, Spitzname "Terminator", Aufnahmen zeigen leer geschossene Raketenhülsen.

Ist das alles noch zu glauben? Welche Rettung soll das sein, sich in die Hände dieses mörderischen Regimes und seiner Helfer zu begeben? Das doch nichts anderes im Sinn hat, als mit der Wiedereroberung Aleppos endgültig die Wende in diesem Krieg herbeizuführen. Das so eindeutig auf den militärischen Sieg mit allen Mitteln setzt, dass jedes Gerede von einer politischen Lösung nur noch den Brechreiz auslöst. Die vermeintlichen Friedensverhandlungen, die Ende August wieder aufgenommen werden sollen, sind ein Farce.

Der UN-Syrien-Beauftragte Staffan de Mistura, so hartnäckig er auch ist, kann daran nichts ändern. Er hat recht, wenn er für die Vereinten Nationen sagt, humanitäre Korridore zu schaffen sei "unser Job". Und darauf dringt, Russland möge die Organisation möglicher humanitärer Hilfe der UN überlassen. Aus Moskau hieß es von Generalleutnant Sergej Rudskoj, man "unterstütze" diesen Vorschlag – was immer das bedeutet. Das Mindeste, das dafür nötig wäre: eine Waffenruhe, die es nicht nur auf dem Papier gibt. Die Erfahrungen der vergangenen Monate sind ohnehin denkbar schlecht, wenn es darum geht, Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen in die vom Regime belagerten Städte durchzusetzen.

Gegen diese als humanitäre Initiative verklärte Vertreibung wird der internationale Widerstand wohl rhetorisch bleiben. Seit Jahren hat niemand dem Krieg Assads gegen seine Bevölkerung etwas Substanzielles entgegenzusetzen. Und so bleibt den Menschen in Aleppo, die es nicht wagen, die Stadt zu verlassen, wenig anderes übrig als der Versuch, irgendwie zu überleben: Mit brennenden Autoreifen hüllen sie den Himmel in diesen Tagen in schwarzen Rauch – in der Hoffnung, für den Moment so etwas wie eine Flugverbotszone gegen die Luftangriffe zu schaffen.