Wenn ein Attentäter in Kabul Dutzende Menschen tötet, wenn eine amerikanische Drohne einen Führer der Taliban trifft, wenn die afghanische Armee sich harte Kämpfe mit den Taliban liefert, dann flackert Afghanistan über den täglichen Nachrichtenstrom kurz auf, man vernimmt ein Grollen wie von einem fernen Gewitter. Schnell zieht es vorbei. Schnell ist es wieder still.

Wenigen Deutschen dürfte der Name Aschraf Ghani geläufig sein, immerhin ist der Mann Präsident Afghanistans.

Wenige Deutsche könnten spontan Genaueres über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan sagen, immerhin sind dort bis zu 1.000 Bundeswehrsoldaten auf unbestimmte Zeit stationiert.

Wenige wüssten etwas Genaueres über die Lage der Frauen in diesem Land zu sagen, über Schulen, Kriegsherren und Menschenrechte – Themen, über die nach dem Beginn der Militärintervention der Nato im Oktober 2001 jahrelang viel geschrieben und geredet wurde.

Doch heute erfährt der durchschnittlich interessierte Deutsche nichts Wesentliches über Afghanistan. Die Medien berichten selten, die allermeisten heimischen Politiker haben das geschundene Land mit Schweigen belegt. Afghanistan fällt der Vergessenheit anheim.

Während Zehntausende Afghanen nach Deutschland flüchten, schrumpft also das Wissen der Deutschen über das Herkunftsland der Flüchtenden in einem rasenden Tempo. Für diese fortschreitende Erblindung gibt es Gründe.

15 Jahre dauert der Einsatz der Nato in Afghanistan – ja, er dauert immer noch an – und es fliehen so viele Afghanen in den Westen wie noch nie zuvor. Das ist eine Peinlichkeit, die man gerne verdrängen möchte. Die Schwierigkeit besteht darin, dass viele Tausende Afghanen allein durch ihr Kommen die Deutschen daran erinnern, dass in diesem fernen Land etwas schiefgelaufen ist, und dass Deutschland daran beteiligt war. Wie gelingt unter diesen Bedingungen das Verdrängen?

Die Hölle ist alternativlos

Nun, indem man Afghanistan zu einem hoffnungsvollen Fall erklärt, der immer schon hoffnungslos war. Afghanistan erscheint in der Vorstellung der meisten Deutschen heute wie eine Naturkatastrophe, nicht wie ein politisches, von Menschen gemachtes Unglück. Es ist eine Hölle ohne Anfang und ohne Ende. Politik gibt es in der Hölle nicht, dort gibt es nur die ewige Verdammnis. Die Hölle ist nun mal alternativlos.

Darum gibt es in Deutschland allzu selten eine echte politische Berichterstattung über Afghanistan. Wenn es Berichte gibt, dann handeln sie in erster Linie von Gefühlen. Es geht um Schmerz und Leid, es geht nicht um Analysen, die etwas Klarheit schaffen könnten, es geht nicht um Möglichkeiten, die man ins Auge fassen könnte.

Und in diesem Gefühlsnebel, der sich über Afghanistan legt, sind Deutschlands Verstrickungen in den afghanischen Konflikt nicht mehr sichtbar.

Nein, das ist kein Plädoyer für weniger Mitgefühl mit Afghanistan, es ist ein Plädoyer für eine intensive, aufmerksame, nüchterne Betrachtung dieses Landes und Deutschlands afghanischen Abenteuers. Die norwegische Regierung hat vorgemacht, wie so etwas gehen kann. Sie beauftragte eine Gruppe von hochrangigen, unabhängigen Experten damit, eine Frage zu beantworten: Was hat Norwegens Armeeeinsatz in Afghanistan gebracht?

In dem vor Kurzem vorgelegten Godal-Report wird nichts beschönigt und nichts verschwiegen. Jede einzelne Zeile ist lesenswert, jeder Absatz enthält Lehren für die Zukunft. Man wünscht sich so etwas für Deutschland.

Immerhin sind 55 deutsche Soldaten in Afghanistan ums Leben gekommen, auch das ist inzwischen fast vergessen worden.