ZEIT ONLINE: Der türkische Außenminister hat angekündigt, das Flüchtlingsabkommen mit der EU nicht mehr zu beachten, sollte es bis Mitte Oktober keine Visafreiheit für Türken in der EU geben. Was würde so eine Aufkündigung konkret bedeuten?

Gerald Knaus: Es wäre eine ziemliche Katastrophe. Weil damit auch das Rückführungsabkommen nicht mehr gelten würde, wäre es ein Signal, dass jeder, der es aus der Türkei auf die griechischen Inseln schafft, nicht zurückgeschickt wird und somit in der EU bleiben kann. Das wird die Zahl der Flüchtlinge, die den gefährlichen Weg über die Ägäis riskieren, wieder deutlich steigen lassen.

ZEIT ONLINE: Weil die türkische Küstenwache dann nicht mehr ernsthaft kontrolliert und die Boote einfach fahren lässt?

Knaus: Das Problem war nie, dass die Küstenwache ihre Arbeit nicht gemacht hätte. Es waren einfach zu viele Menschen, noch im Januar und Februar dieses Jahres an die 2.000 am Tag. Diese Zahlen hätten jede Küstenwache der Welt überfordert. Der Anreiz, es auf die griechischen Inseln zu schaffen und damit sicher in der EU zu sein, war zu groß. Aber es stimmt wohl auch, dass es ohne EU-Türkei-Abkommen sicher für die türkische Küstenwache keine Priorität mehr wäre, die Ägäis-Überquerungen zu verhindern.

ZEIT ONLINE: Die EU könnte ihre Maßnahmen aus dem Abkommen ja einfach beibehalten, die Ankommenden auf den griechischen Inseln weiterhin einsperren, die Grenze zu Mazedonien geschlossen halten.

Knaus: Mir haben Bürgermeister der griechischen Inseln erst vor zwei Wochen erzählt: wenn die Zahlen wieder steigen, vielleicht auf 1.000 pro Woche, sehen sie keine Möglichkeit, die alle bei sich unterzubringen. Das heißt, die Menschen kämen auf das Festland.

ZEIT ONLINE: Was würde dort mit ihnen geschehen?

Knaus: Manche in der EU hoffen wohl, dass die Menschen in Griechenland so schlechte Bedingungen vorfinden, dass das als Abschreckung reicht. Schon heute haben die über 46.000 Menschen dort praktisch keine Chance einen Asylantrag zu stellen. Dann beruhte die Strategie der EU darauf, dass es den Leuten in Griechenland schlecht geht. Das wäre nicht nur für die europäische Asylpolitik eine Katastrophe, sondern auch für Griechenland. In den vergangenen Monaten hat die griechische Polizei dabei geholfen, die Grenze mit Mazedonien geschlossen zu halten. Damit dürfte es, wenn sich die Geflüchteten alle in Griechenland sammeln, vorbei sein. 

ZEIT ONLINE: Aber sie sammeln sich doch jetzt schon dort. Es sind nur 468 Menschen seit Beginn des Deals zurückgeschickt worden.

Knaus: Ja, das wissen viele nicht: In den Wochen vor dem Abkommen, in den ersten drei Monaten des Jahres, sind mehr Leute zurückgeschickt worden in die Türkei als seit dem 20. März, seit dem das Abkommen gilt. Und betroffen sind bisher nur solche, die gar keinen Asylantrag gestellt haben, und die man deshalb auch ohne das Abkommen zurückschicken konnte. In dieser Hinsicht hat das Abkommen nie funktioniert.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Knaus: Weil die Türkei nicht nachweisen konnte, dass sie die Zurückgeschickten gut genug behandelt. All die Pakistani oder Afghanen bräuchten dort ein faires und zügiges Asylverfahren, so wie sie es bekämen, wenn sie aus Griechenland beispielsweise nach Portugal oder in ein anderes EU-Land abgeschoben würden. Es geht hier um einige Tausend Menschen, das wäre also machbar. Aber es muss organisiert werden. Die Türkei müsste das zur Priorität machen und die EU zur zentralen Bedingung für die Visafreiheit.