Stolz posieren die Angreifer mit der libyschen Flagge für die Siegerfotos. Ihre Geländewagen mit aufgepflanzten Maschinengewehren parken vor dem einstigen Ouagadougou-Konferenzzentrum in Sirte. In dem protzigen Marmorpalast zelebrierte "der Führer aller arabischen Führer und König aller afrikanischen Könige", Muammar al-Gaddafi, im November 2010 noch seinen letzten arabisch-afrikanischen Gipfel. Im Juni 2015 machte der "Islamische Staat" den weitläufigen Komplex mit seinen unterirdischen Bunkern zum Hauptquartier, aus dem die Terrormiliz jetzt nach wochenlangen Kämpfen vertrieben werden konnte.

"Sirte kehrt nach Libyen zurück", posteten die Kämpfer aus Tripolis auf Facebook. "Die Schlacht um Sirte geht in die entscheidende Phase", erklärte General Mohamed al-Ghasri, der Sprecher der Milizen. Denn noch gibt es nach Berichten lokaler Medien in einigen Wohnvierteln Gefechte mit versprengten IS-Kommandos. Doch die meisten Dschihadisten sind tot, verletzt, festgenommen oder geflohen. Ihr Versuch, am Mittelmeer ein Ersatzkalifat zu errichten, steht vor dem Scheitern, ein weiterer schwerer Rückschlag für die Anhänger des selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi.

In den mächtigsten Zeiten kontrollierte seine Terrormiliz einen etwa 400 Kilometer langen Küstenstreifen rund um die Geburtsstadt Gaddafis. Im Februar und April 2015 richteten die IS-Schlächter am libyschen Mittelmeerstrand 21 ägyptische und 28 äthiopische Christen hin und drohten mit einem Angriff auf "das gottlose Rom".

Der Nationalen Einheitsregierung von Tripolis, die durch Vermittlung der Vereinten Nationen zustande kam, gibt der Erfolg in Sirte wichtigen Auftrieb. Erst vor zwei Wochen hatte Premierminister Fajis al-Sarradsch Washington um Luftunterstützung für seine Truppen gebeten. Seitdem greifen US-Kampfjets und Drohnen neben Syrien und Irak nun auch in Libyen systematisch Stellungen des IS an. Die Piloten zerstörten bei den etwa 30 Einsätzen Panzer und gepanzerte Fahrzeuge sowie mindestens ein mit Sprengstoff präpariertes Auto, bevor es die Linien der libyschen Milizen erreichen konnte.

Keine Einigung mit der Gegenregierung in Tobruk

Unterstützt werden die Streitkräfte am Boden auch von amerikanischen, britischen, französischen und italienischen Spezialtruppen, obwohl jede westliche Militärpräsenz auf libyschem Boden bei der einheimischen Bevölkerung sehr unpopulär ist. Ende Juli distanzierte sich die Nationale Einheitsregierung öffentlich von Paris, nachdem ein Armeehubschrauber nahe Bengasi mit drei Mitgliedern des französischen Auslandsgeheimdienstes an Bord abgestürzt war.

"Hände weg von Libyen", skandierten anschließend Demonstranten in zahlreichen Städten Libyens und verbrannten französische Flaggen. Italiens Regierung verweigert dem Parlament in Rom bisher jede Auskunft über Kommandoaktionen auf libyschem Gebiet und beruft sich dabei auf das 2015 novellierte Geheimdienstgesetz. Und wie die Washington Post diese Woche berichtete, sind auch US-Spezialkräfte im Einsatz, die mit den Briten eine gemeinsame Kommandozentrale nutzen.

Nach dem Erfolg in Sirte jedoch könnte in Libyen die Konfrontation zwischen der international anerkannten Regierung in Tripolis und der Gegenregierung in Tobruk neu eskalieren. Beide Seiten haben inzwischen unabhängig voneinander neue Geldscheine drucken lassen, der Osten in Russland, der Westen in Großbritannien. Die im Osten operierende Libysche Nationalarmee unter General Khalifa Haftar verweigert sich den Befehlen aus Tripolis und nahm an dem Feldzug gegen den IS in Sirte nicht teil.

Und so droht nun die nächste Konfrontation zwischen den Milizen in Tripolis und den Truppen Haftars in Tobruk. Auslöser könnte der Zank um das Ölterminal Zueitina westlich von Bengasi werden. Ostlibysche Bewaffnete wollen die Anlage besetzen, weil die Nationale Einheitsregierung sie für ihren Export reaktivieren will.