Die Kinder des Krieges sitzen in geordneten Reihen. Sie sind zwischen 15 und 20 Jahre alt. Sie tragen sorgfältig gebügelte, beige Hosen, gestärkte blaue Hemden und grüne Pullover. Ihre Schuhe sind blank. Ihre Rücken gerade. Eine Besucherdelegation kommt herein, viele Männer tragen Uniform. In einer einzigen, fließenden Bewegung stehen die Jungen auf und rufen "Guten Morgen!".

Dies war einst der Nachwuchs der Taliban, radikalislamischer Extremisten in Pakistan. Wilde Jungen, Gehilfen der Kämpfer und Schüler an den Waffen. Nun sollen sie deradikalisiert werden. Das bedeutet: Sie sollen anders denken. Anders denken über den Staat, den sie bekämpft haben. Über das eigene Leben, das einige von ihnen aufgeben wollten, und über ihre Religion, die ihnen als rachsüchtig und gewalttätig vorgestellt worden war.

Draußen, hinter hohen Wachtürmen, liegt das Swat-Tal, bis 2009 eines der furchtbarsten Schlachtfelder im Kampf der Extremisten gegen den Staat. Der Anführer der pakistanischen Taliban, Mullah Fazlullah, stammt von hier. Hier wurde der heute berühmten Kinderaktivistin Malala Yousafzai noch 2012 von Taliban in den Kopf geschossen. 

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die allein im Swat-Tal in dieser Atmosphäre radikalisiert worden sind, geht wohl in die Zehntausende. "Als ich die ersten von ihnen sah, habe ich nur gedacht: Ich will ihnen ihre Kindheit wiedergeben", sagt die Leiterin der Organisation Sabawoon (Erste Lichtstrahlen), Fariha Paracha. Ein hochrangiger Soldat hatte die bekannte Kinderpsychologin um Rat gebeten, nachdem das Militär 2009 im Swat-Tal zum ersten Mal eine größere Gruppe von Kindersoldaten der Taliban festgenommen hatte.

"Wir hatten wirklich Angst vor diesen Kindern, denen man wer weiß was ins Hirn geblasen hatte", sagt Paracha. Zu jener Zeit fand das Militär in abgelegenen Gegenden Kinder, die zu Selbstmordattentätern ausgebildet wurden. Von Tausenden wusste man, dass sie als Boten, Spione, Tellerwäscher oder Tee-Jungs der Taliban aushalfen – und gleichzeitig erste Lektionen an den Waffen erhielten.

Wohin mit den jungen Extremisten?

Paracha begann, über Deradikalisierungsansätze zu lesen. Die waren nach 2001 in einigen, vor allem muslimischen Ländern aufgekommen, in Saudi-Arabien, im Jemen, im Irak, in Marokko und Malaysia. Erst heute werden sie vermehrt auch in Europa diskutiert. Die Ideen, die Paracha fand, waren sehr unterschiedlich. Manche fokussierten sich nur auf die religiöse Umerziehung, andere nur auf Gefängnisinsassen. Die meisten aber konzentrierten sich auf Erwachsene. Und so musste sich Paracha sein eigenes Programm für die Kriegerkinder von Swat ausdenken.

Parachas Plan besteht aus mehreren Phasen. Zuerst ist da das sogenannte Screening, bei dem so viele Informationen wie möglich über das jeweilige Kind zusammengetragen werden, von ihm selbst, vom Militär. Was das Kind verschweigt, ist so wichtig wie das, was es preisgibt.

Dann folgt die Deradikalisierungsphase. Dazu zählen psychologische Unterstützung, Schul- und Religionsunterricht und Ansätze einer Berufsausbildung. Diese Phase soll möglichst gleichberechtigt die Vielzahl der Triebkräfte der Radikalisierung angehen: Armut und mangelnde Zukunftschancen, Bildungslücken, verzerrte Wahrnehmungen des Islam. Disziplin spielt eine große Rolle. Äußere Ordnung gegen innere Unruhe.

Die Reintegrationsphase im Anschluss an das Programm kann bis zu zwei Jahre dauern. Psychologen und das Militär besuchen die Jungen regelmäßig. Dazu kommt es aber erst, wenn die Betreuer den Eindruck haben, dass der Jugendliche verständig auf seine Zeit mit den Islamisten zurückschauen und sich klar davon distanzieren kann.

2009 hat Sabawoon die ersten 32 Kinder aufgenommen. Es ist bis heute ein kleines Programm geblieben. Das liege daran, dass es "flexibel auf jeden einzelnen Jungen achten muss", sagt Fariha Paracha. "Mehr ist nicht drin." In acht Jahren haben 226 Kinder das Programm durchlaufen. 41 von ihnen sind heute noch dort.