Die Comuna 13 in Medellín war früher nicht nur ein gefährlicher Ort, sie war einer der gefährlichsten Orte der Welt. Wer hier lebte, war nicht einmal im eigenen Wohnzimmer sicher. Traute sich nicht über die Straße, weil auf der anderen Seite das Territorium der rivalisierenden Gang begann. Verlor seine Kinder, weil sie von der Drogenmafia oder der Guerilla rekrutiert wurden, oder weil sie achtlos umgebracht wurden. Ein Menschenleben war nichts wert in der Comuna 13, einem Arme-Leute-Viertel im Westen von Medellín, Kolumbien.

Cristina Zapata erinnert sich noch genau: Beinah hätte sie ihre Tochter durch einen Querschläger verloren. "Damals war die Kleine fast vier", sagt die 26-Jährige. Ihre Tochter sah fern, sie selbst hatte im Nebenzimmer zu tun. "Als ich die Schüsse hörte, rannte ich sofort zu ihr. Mami, Mami! rief sie, etwas hat mich hier gestreift! Und zeigte auf einen roten Kratzer auf der Stirn."

Eine Kugel war durchs Fenster ins Zimmer eingedrungen; Cristina fingerte sie aus der Wand. "Stellen Sie sich vor, was hätte passieren können!" sagt sie. "Ich habe monatelang kaum geschlafen, solche Angst hatte ich." Nie wusste man, wann wieder Schüsse fallen würden. "Sobald es losging, mussten wir uns unter den Betten verkriechen, um nicht getroffen zu werden."

Ihre Arbeit verlor sie auch. "Es gab unsichtbare Grenzen im Viertel, die konnte ich nicht passieren, ohne in Gefahr zu geraten", sagt Christina. Schließlich blieb sie zu Hause, weil der Weg zur Arbeitsstelle lebensgefährlich wurde.

Die Comuna 13, ein Ziel für Touristen

Wer heute in die Comuna 13 kommt, kann sich das kaum noch vorstellen. Blonde junge Frauen in Sommerkleidung spazieren durch die Gassen, den Reiseführer in der Hand. Bärtige Gringos mit Rucksäcken fragen Passanten nach der Geschichte des Viertels. Die Comuna 13 ist zum Touristenziel geworden. Die kleinen Häuser haben immer noch Wellblechdächer, und sie kleben noch genauso eng an- und übereinander gebaut am Hang wie früher. Aber heute schmücken Graffitis die Mauern und die Hauswände sind farbig bemalt. Wenn man von der anderen Seite des Tals auf die Comuna 13 blickt, sieht man ein buntes Herz.

Die Graffiti-Sprayer, Rapper und Breakdancer treffen sich in der Casa Kolacho, nicht weit von der Metrostation San Javier. Drinnen liegen Farbdosen im Regal, die Wände sind neonbunt bemalt. Davor ein DJ-Pult, ein Mischpult, Mikrofone, Kabel. Im Nebenzimmer, dem Tonstudio, laufen Aufnahmen.

Rap mit Liebe aus Problemviertel in Medellín Juda von der Hip-Hop-Gruppe C Quince kommt aus einem verrufenen Viertel in der kolumbianischen Stadt Medellín. Mit seinem Rap erinnert er an die positiven Seiten.

Jeihhco, ein junger Mann aus der Comuna 13, ist einer der Gründer des Kulturhauses. Hip-Hop, also die Mischung aus Rap, Breakdance, Graffiti und DJ-Remixes, ist für ihn ein Lebensgefühl. Es ist die Kunst der Armen, sagt er, der Afros und Latinos, für die sich der Mainstream sonst nicht interessiere; eine soziale Bewegung, mit der Macht, die Welt zu verändern – und die Comuna 13. "Ich mache keinen Hip-Hop. Ich bin Hip-Hop", sagt Jeihhco.

Die Casa Kolacho, in der sich Jeihhco und die anderen treffen, ist nach einem ermordeten Freund benannt. Die Überlebenden hier haben genug von der Gewalt. Sie kämpfen für "eine Revolution ohne Tote", sagt Jeihhco, eine Revolution aber mit Bildung für alle, mit lebendiger Kunst und Raum für Kreativität. Eine Revolution, die Schluss mache mit der Gewalt, aber die Erinnerung an sie lebendig halte. Geld vom Staat erhalten sie nicht, ihre Breakdance-, Sprayer- und Rap-Kurse sind kostenlos. Aber sie führen Touristen durchs Viertel und nehmen dafür Geld.

Heute ist Juda dran, eigentlich Juan David, der mit Jeihhco und zwei anderen Musikern die Band C15 bildet. Judas Familie zog vor Jahren aus wirtschaftlicher Not in die Comuna 13. "Hier waren die Mieten so billig wie nirgends sonst", sagt er. Mittlerweile mag er es, hier zu leben. "Wir haben die Musik, unsere Kunst. Man kann auf den Straßen unterwegs sein. Die Kinder können draußen spielen. Die Nachbarn grüßen sich. In der Innenstadt ist das anders." 

C15 rappen genau darüber: Über die schönen Dinge in ihrem Viertels, an deren positive, das Leben verändernde Energie sie glauben. Aquí Sí Hay Amor, heißt ein Stück. Hier gibt es sehr wohl Liebe.