Was kann ein gewöhnlicher Wahlbürger wie ich noch Erhellendes zur umstrittensten US-Präsidentschaftswahl in meinem ganzen, immerhin 70-jährigen, Leben sagen? Nachdem schon so viel über die krassen Unterschiede bezüglich der inhaltlichen und menschlichen Qualitäten beider Kandidaten geschrieben wurde. Polare Gegensätze in nahezu jeder Beziehung.

Was sagt das Erscheinen von zwei so gegensätzlichen Kandidaten darüber aus, in welchem Zustand sich die Vereinigten Staaten befinden, letztendlich auch darüber, was sie sind? Und wie es um ihre Vereinigtheit in den kommenden Tagen und Jahren steht?

Das Ergebnis dieser Wahl wird entweder eine Botschaft an die Bürger und die Verbündeten auf der ganzen Welt sein, dass die Vereinigten Staaten noch alle Sinne beisammen haben. Oder es wird eine Warnung sein, dass sie ihren Zenit überschritten haben und nun auf der sprichwörtlichen Kippe stehen.

Nick Russo ist New Yorker und arbeitet seit 1972 als Rechtsanwalt. Als vor fünf Jahren gleichgeschlechtliche Ehen in New York zugelassen wurden, heiratete er am ersten Tag seinen Partner, mit dem er mittlerweile 42 Jahre zusammenlebt. © privat

Hört man den andauernden ungestümen und unbeherrschten Rauschreden und Tiraden des einen Kandidaten zu – deren den Verstand vernebelnde Rhythmen an Diktatoren und kleingeistige Potentaten erinnern – im Vergleich zur repräsentativeren Rhetorik und dem angemessenen Auftreten der anderen Kandidatin, einer herausgeputzten Politikerin, dann kann es einem bei der Aussicht auf den Sieg des Ersteren nur schaudern. 

Was würde er nicht alles sagen, was würde er nicht alles tun, um die Aufmerksamkeit der Menge zu gewinnen, die oft ein ungehobelter und streitsüchtiger Mob ist? Anstatt seine Führungsqualitäten unter Beweis zu stellen, bevor er das höchste Amt im Staate bekleiden will, gibt dieser Kandidat die Rampensau, erinnert an seine Reality-TV-Show The Apprentice, in der er stolz Menschen feuerte, und erklärt auf seiner Wahlkampftour, dass Bankrottgehen eine feine Sache sei. Soviel zu seiner ökonomischen Intelligenz und der von ihm zu erwartenden Wirtschaftspolitik.

Er attackiert gnadenlos Schwache, Behinderte und Entrechtete. Und er möchte, dass sie genau das bleiben. Seine Anhänger feiern ihn dafür. Das ist das Beängstigende an seiner Kandidatur.

Wo sind sie alle hergekommen? Wo ist er hergekommen?

Wir haben uns nie getroffen

Er und ich, wir sind im selben New Yorker Viertel aufgewachsen. Wir haben beide an derselben Universität studiert, mit einem sich überschneidenden Jahr. Wir haben uns nie getroffen.

Dabei habe ich mich schon immer für Politik und Staatsführung interessiert. Von meiner ersten Erfahrung beim Flugblätterverteilen für die erste Kandidatur Eisenhowers angefangen – bis ich jüngst aktives Mitglied des demokratischen Komitees im Staat New York wurde. An unserer Universität wurde ich Mitglied im Club junger Republikaner. Aber ihn habe ich dort nie gesehen.

Ich habe mich dann von der konservativen republikanischen Linie wegbewegt, zunächst zu den moderateren und liberaleren Republikanern, aber als ich volljährig wurde, verzichtete ich auf eine Mitgliedschaft in der Partei, die damals Barry Goldwater nominiert hatte. Später ließ ich mich als unabhängiger Wähler ohne Parteizugehörigkeit für die Vorwahlen registrieren, um am Ende ein registrierter Demokrat zu werden.

Demokraten sind im Großen und Ganzen sozialer Gerechtigkeit verpflichtet und stehen für mehr Chancengleichheit, sodass Menschen unabhängig von ihren Mitteln oder ihrem Status Lebensstandard und Lebensumstände verbessern können. Republikaner hingegen versuchen die Reichen noch reicher zu machen, damit ihr Wohlstand langsam von oben herab auf die unteren Plätze in der Nahrungskette rieseln kann. Auch wenn sie etwas anderes behaupten, zeigen ihre politische Strategie und Praxis, dass das die Wahrheit ist.

Und die Gegenkandidatin im diesjährigen Präsidentschaftsrennen – meine Wahl, die Demokratin? Ist sie fehlerlos? Natürlich hat diese Kandidatin wie alle Politiker etwas auf dem Kerbholz. Und nicht gerade wenig. Aber vielleicht erscheinen viele ihrer Unzulänglichkeiten nur deshalb so unbarmherzig, weil sie schon so lange im Scheinwerferlicht steht. Die US-Spin-Doctors, die man zur Unterstützung der Kandidaten und zur Demontage des Gegenübers engagiert, sind wahre Meister darin, selbst die Demütigen, Bescheidenen und Tugendhaften niederträchtig wirken zu lassen. Und diesmal steht ihnen eine Menge Material zur Verfügung.

Die Fortschritte für LGBT-Menschen könnten schnell verloren gehen

Eigentlich dürfte es keinen Zweifel über den Ausgang dieses Zweikampfes geben, wenn man die jeweiligen Kurse beobachtet und Qualifikationen, persönliche Integrität, Geschichtsbewusstsein und diplomatische Fähigkeiten einrechnet.

Doch wir können nicht mit Sicherheit sagen, wer am Wahltag alles an die Urnen gehen wird. Und wir wissen nicht, in welchen Staaten diese Wähler ihre Stimme abgeben werden. Wir wissen nicht, welche Tricks noch angewandt werden, um Beteiligungen an der Wahl, insbesondere von Angehörigen der Minderheiten, zu erschweren.

Minderheiten werden im Vorhinein beschuldigt

Die Gerichte haben zwar begonnen, die durchschaubaren Gesetzesinitiativen der Republikaner abzulehnen, die die Wahlbeteiligung von Minderheiten begrenzen wollen, und haben die Gesetze, die ein sperriges Identifikationsverfahren vor der Stimmabgabe vorsahen, einstweilen für verfassungswidrig erklärt. Aber die gerichtlichen Auseinandersetzungen um diese modernen Gesetze zur Rassendiskriminierung dauern an. Neuerdings ermutigt der republikanische Bannerträger auch zu einer neuen Art Selbstjustiz, indem er Bürger ermuntert, eigenmächtig den Wahlhergang zu überwachen, besonders in Bezirken, in denen seine Ergebnisse voraussichtlich weniger gut ausfallen werden, was bedeutet: in Wohnvierteln von Minderheiten. Er hat schon vorsorglich gesagt, dass "sie" ihm die Wahl gestohlen haben werden, falls er verlieren sollte.

Besondere Relevanz für mich hat ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Kandidaten: LGBT-Rechte. Die USA haben einen weiten Weg zurückgelegt, seit ich in den sechziger Jahren studiert habe. Damals galten Schwule nach medizinischer Lehrmeinung als psychisch verhaltensgestört, aus kirchlicher Sicht war man ein Sünder und vor dem Gesetz ein Krimineller. Als ich als Anwalt im Staat New York zugelassen wurde, waren homosexuelle Handlungen, auch im Privaten und einvernehmlich zwischen Erwachsenen, strafbare Handlungen.

Für mich, römisch-katholisch erzogen, zunächst mit der Republikanischen Partei sympathisierend, mit der Absicht, eine juristische Karriere zu starten und mit der Ambition, einmal für ein politisches Amt zu kandidieren, war es sehr schwierig, die absolute und unumkehrbare Realität zu akzeptieren, dass ich ein Homosexueller bin. Es war ein langer und steiniger Weg. Aber ich traf andere Anwälte, die in der gleichen Lage waren. 1973 gründeten einige von uns die erste LGBT-Non-Profit-Organisation, die prozessierte, um Präzedenzfälle zu schaffen, die die Rechte von Schwulen und Lesben stärken sollten, später auch die von Transgendern. Seitdem sind große Fortschritte erzielt worden, einschließlich – aber nicht ausschließlich – des Rechts auf gleichgeschlechtliche Eheschließungen.

Für LGBT-Menschen steht alles auf dem Spiel

Aber diese Erfolge könnten schnell wieder verloren gehen. Derzeit werden die LGBT-Rechte von einer Kopfgeburt aus der Rechtsabteilung von Anti-LGBT-Gruppen attackiert. Es geht um die sogenannte religiöse Ausnahme. Die Idee ist im Wesentlichen, einer LGBT-Person Dienstleistungen verweigern zu dürfen, wenn LGBT-Rechte den eigenen religiösen Ansichten widersprechen. Kurz gesagt: Das Recht auf freie Ausübung der Religion wird über das Recht einer Person gestellt, die Ziel religiöser Schmähungen ist, und über ihr Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz.

Dieses Thema hat große Bedeutung für die anstehenden Präsidentschafts- und Kongresswahlen. Denn wenn wir am 8. November unsere Stimme für einen neuen Präsidenten abgeben, stimmen wir auch über den Obersten Gerichtshof ab. Es gibt einen vakanten Sitz im Gericht – unbesetzt, weil der republikanisch dominierte Senat den von Präsident Obama nominierten Richter ablehnt. Und es wird voraussichtlich weitere Vakanzen innerhalb der Amtszeit des nächsten Präsidenten geben. Zurzeit sind die Sitze des Gerichts ideologisch ausgewogen besetzt, vier zu vier. Die Entscheidungen des Obersten Gerichtshofes in Verfahren, die LGBT-Menschen betreffen, sowie die Rechte von Frauen, Minderheiten und anderen Gruppen, werden deren Zukunft in diesen und anderen Belangen für Jahrzehnte prägen.

Ebenso wichtig wie der nächste Präsident und wer einen Sitz am Obersten Gerichtshof erhält, werden die Zusammensetzung und die Mehrheitsverhältnisse in den beiden Kammern des Kongresses sein. Obwohl die Republikaner zurzeit das Repräsentantenhaus und den Senat dominieren, gibt es Hoffnung auf demokratischer Seite – und Panik auf republikanischer – auf eine demokratische Übernahme einer oder beider Kammern. Das könnte eine Folge sein von all dem Dreck, mit dem der republikanische Kandidat im Wahlkampf geworfen hat.

Weil Kongress und Präsident zur Verabschiedung der Gesetze zusammenarbeiten müssen und weil der Oberste Gerichtshof über die Einsprüche zu diesen Gesetzen entscheidet, ist die Wahl im November von tiefgreifender Bedeutung für die Zukunft der USA.

Aus dem Englischen übersetzt von Robin Thiesmeyer