Wetten, dass Barack Obamas historische, achtjährige Amtszeit die weißen Amerikaner mehr beeinflusst haben wird, als man je gedacht hätte?

Auf meinem Fernsehbildschirm sehe ich ein Meer weißer Männer. Sie sind zwischen 18 und 80 Jahre alt, versammelt in einer Turnhalle im ländlichen Virginia. Sie tragen ihre Uniform: blaue Schutzanzüge, T-Shirts, Baseballkappen und Helme. Schutzhelme ohne Ende, in verschiedenen Verschmutzungsgraden.

Ich sehe kein einziges schwarzes oder braunes Gesicht in der Menge, auch nicht viele Frauen. Ein einziger weißer Block, ein männlicher weißer Block, ängstlich und geknechtet.

So sieht 2016 eine republikanische Versammlung in Abingdon im US-Bundesstaat Virginia aus, in einem Bergbaustaat.

Vor ihnen steht ihr Kandidat: Donald J. Trump, ein Milliardär aus New York City, ein Geschäftsmann und Angeber. Er trägt einen makellosen, schwarzen Maßanzug. Sein blütenweißes Hemd bildet den perfekten Hintergrund für die leuchtend blaue Krawatte. Vom Kragen grüßt eine kleine Brosche in den amerikanischen Nationalfarben. Das ist seine Uniform. Das einzige Zugeständnis an sein Publikum ist eine Baseballkappe. In leuchtendem Rot verkündet sie: Make America Great Again – Amerika wieder groß machen. Und er grinst.

Deborah Bolling ist freie Journalistin und lebt Washington D.C. Sie arbeitet für Film, Fernsehen, Radio, Print und Social Media. Sie hat an der Columbia University in New York studiert. © privat

Abingdon ist wie viele amerikanische Kleinstädte. Es ist zu fast 94 Prozent weiß. Das mittlere Haushaltseinkommen beträgt weniger als 31.000 Dollar, es gibt doppelt so viele Republikaner wie Demokraten. Und keine Fassade kann über die Narben des Fortschritts hinwegtäuschen.

Angst vor dem Aussterben

Man nehme Trumps Motto: Make America Great Again. Es ist ein nostalgisches Betteln, die Uhr zurückzudrehen. Zurück zu einer besseren Zeit, die lange vorbei ist. Aber wann genau war sie eigentlich?

Die weißen Männer verstehen darunter womöglich eine Zeit, in der die meisten von ihnen solche Versammlungen mitten am Tag, mitten in der Woche, gar nicht besuchen konnten. Eine Zeit, bevor die Technologie des 21. Jahrhunderts gutbezahlte Jobs vernichtet und die Mittelschicht verstümmelt hat.

Die weißen Männer in Abingdon sind Trumps Legion geworden. Und er spielt mit etwas, das frühere amerikanische Politiker nicht einmal anerkannt haben: Mit ihrer überwältigenden Angst vor dem Aussterben.

Obama hat die Hackordnung in Frage gestellt

Es ist noch gar nicht lange her, da haben Männer wie diese gedacht, sie herrschten bis in die letzten Winkel der USA über alles. Diese rassistisch begründete Überlegenheit war tatsächlich gegeben, ihr Anspruch war unangefochten.

Doch seit Obama gewählt wurde, Amerikas erster nichtweißer Präsident, wird die Hackordnung in den USA als bedroht wahrgenommen.

Präsident Obama ist für viele der Inbegriff von Würde und Disziplin. Er hat unser Land mit fast übernatürlicher Ruhe und Intelligenz geführt. Doch als Mann afrikanischer Abstammung wurde seine Andersartigkeit für all jene zum Ärgernis, die skeptisch sind angesichts des Wandels, den er verkörpert.

Noch bevor Trump überhaupt Kandidat wurde, beschäftigte er Detektive, um dem amtierenden Präsidenten per Geburtsurkunde nachzuweisen, er sei kein richtiger Amerikaner und hätte daher gar nicht gewählt werden dürfen. Beispiellos? Beleidigend? Rassistisch.

Rassistische Spannungen

Für mich – eine Afroamerikanerin mit Ivy-League-Ausbildung, Mittelschicht, mittleres Alter – waren die Obama-Jahre gut und schlecht zugleich.

Als Obama der mächtigste Mann der Welt wurde, war ich bezaubert. Ich war stolz. Aber seine beispiellose Wahl rührte auch an  jahrzehntelange, nur leicht überdeckten rassistischen Spannungen. Ob nun bewusst oder nicht: Obama schürte die Ängste jener, die ganz offen entsetzt von den neuen Zukunftsaussichten waren und ihren amerikanischen Kuchen auf keinen Fall teilen wollten.