Die Offensive verging wie im Schnellvorlauf. Bei Sonnenaufgang rollten türkische Panzer unter dem Schutz der US-Luftwaffe über die Grenze nach Syrien, begleitet von Einheiten der Freien Syrischen Armee. Bei Sonnenuntergang war Dscharabulus — die letzte Grenzbastion des "Islamischen Staats" — schon in den Händen syrischer Rebellen.

Am Samstag, nachdem 54 Menschen bei einem Anschlag auf eine kurdische Hochzeit in der südtürkischen Stadt Gaziantep starben, hatte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu angekündigt, die Grenzregion von IS-Kämpfern zu "säubern". Ministerpräsident Binali Yıldırım sagte zuvor, dass die Türkei sich "aktiver" an einer Lösung des Syrien-Konfliktes beteiligen werde.

Doch der IS ist nicht der einzige Verlierer. Auf Dscharabulus waren auch die syrischen Kurden vorgerückt. Jetzt sollen sie den Rückzug antreten und damit ihren Traum eines quasi-unabhängigen Staates im Norden Syriens zunächst begraben. Am Mittwochmorgen sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der Militäreinsatz sei gerichtet gegen "Terrorgruppen, die ständig unser Land bedrohen". Und er stellte klar, dass er damit nicht nur den IS meinte — sondern auch die syrischen Kurdenmilizen.

Das stellte den US-Vizepräsidenten Joe Biden, auf Besuch in Ankara, vor ein Problem. Dabei reiste er ohnehin schon mit einer anderen Herausforderung in die Türkei: Dort wächst seit dem Putschversuch des 15. Juli eine anti-amerikanische Stimmung. Viele Türken sehen die USA sogar als Komplizen der Putschisten, da Washington bis jetzt eher unwillig auf Ankaras Forderung reagiert, den angeblichen Drahtzieher Fethullah Gülen auszuliefern. Biden sollte diese Wogen glätten.

Uneinigkeit zwischen USA und Türkei in der Kurden-Frage

Doch am Morgen seines Besuchs stand er nun vor einem weiteren Streitpunkt. Sowie die Türkei als auch die syrischen Kurden sind Verbündete der USA; nun befanden sie sich auf einem direkten Kollisionskurs. Die Regierung in Ankara sieht die kurdischen Einheiten als den syrischen Arm der kurdischen Arbeiterpartei PKK, die seit dem Zerfall eines zweijährigen Waffenstillstandes im vorigen Sommer wieder türkische Sicherheitskräfte angreift. 

Zwar stufen die USA und Europa wie die Türkei die PKK als eine Terrororganisation ein. Ihre syrische Schwestermiliz YPG wird im Westen jedoch als eine separate Einheit behandelt, denn die syrischen Kurden sind die effektivste Miliz im Kampf gegen den IS. Anfang dieses Monats halfen US-Spezialkräfte den überwiegend kurdischen Demokratischen Kräften Syriens (SDF) bei der Befreiung der IS-Hochburg Manbidsch

Der langersehnte Erfolg wurde im Westen groß gefeiert, aber nicht in der Türkei. Während europäische Zeitungen Bilder von siegreichen kurdischen Frauenkämpfern druckten, fragte sich die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu, wann die Kurden wieder aus der arabischen Stadt abziehen würden. Denn um Manbidsch zu befreien, überschritten die Kurden die "rote Linie" Ankaras: den Euphrat. Zwischen den zwei quasi-autonomen kurdischen Gebiete Nordsyriens liegen etwa noch einhundert Kilometer, von Dscharabulus aus westwärts. Sollten die Kurden diese vereinen können, wären ihrem langersehnten Traum von einem unabhängigen kurdischen Staat ein Stück näher. 

Doch genau das ist der türkische Alptraum. In Ankara befürchtet man, dass ein Kurdenstaat direkt an der Grenze den kurdischen Konflikt im eigenen Land verschlimmern würde. Sollten die Kurden den Euphrat überschreiten — und damit ihre beiden Gebiete vereinen — würde die Türkei einschreiten.

Biden überschüttet die Türkei mit Lob

Mit dem Einsatz in Dscharabulus kam die türkische Armee den Kurden zuvor. Die Türkei sei entschlossen, die territoriale Einheit Syriens zu schützen, sagte Erdoğan am Mittwoch. "Falls notwendig, werden wir die Sache selbst in die Hand nehmen." Schon der Name der Militäroffensive deutete an, dass die Türkei nicht nur gegen den IS, sondern auch die Kurdenmilizen vorgehen würde: "Operation Schutzschild Euphrat" heißt der Einsatz, einerseits eine Anspielung auf die Lage der Stadt Dscharabulus am Flussufer, und andererseits die Warnung Ankaras an die Kurden. 

Die Türkei hatte schon lange gefordert, dass die USA sich zwischen ihrem Nato-Verbündeten und den Kurden entscheiden müsse. Die YPG zu unterstützen, wäre wie eine scharfe Granate in der Hand zu halten, sagte Erdoğan am Mittwoch.

Nun schlug Joe Biden sich endlich klar auf die Seite der Türkei. Die Kurden müssten sich auf die Ostseite des Euphrat zurückziehen, oder sie würden die Unterstützung der USA verlieren, sagte Biden. Er wiederholte mehrmals, dass die USA keinen Anteil am Putschversuch gehabt hätten, und überschüttete die Türkei mit Lob. Biden pries den Mut der Türken, die sich Panzern entgegenstellten, dankte der Regierung in Ankara für ihre Bemühungen im Kampf gegen den IS, und verurteilte die Anschläge der PKK. 

Ministerpräsident Binali Yıldırım bedankte sich für die "aufrichtigen Worte" Bidens. Aber die regierungsnahe Presse war unzufrieden: Biden habe zur Auslieferung Gülens nichts Neues gesagt. Sein Besuch sei eine "Zeitverschwendung" gewesen, schrieb die Zeitung Sabah. Die Kurden zeigten sich ebenso unbeeindruckt. Die türkische Militäroffensive sei ein Akt der Aggression, sagte der YPG-Sprecher Redur Xelil. Ein Rückzug zum Ostufer des Euphrat sei ein Diskussionspunkt für die SDF. Die USA hatte die SDF-Kräfte zuvor bei ihrem Vormarsch über den Fluss Richtung Manbidsch unterstützt.