Amerikas Außenminister verhandelt mit seinem russischen Kollegen wieder einmal einen Waffenstillstand im syrischen Bürgerkrieg. Hoffnung keimt auf – und es bleibt einem auch nicht viel anderes übrig, als wieder zu hoffen. Zum wievielten Mal? Bislang haben Waffenruhen, wenn sie überhaupt eingetreten sind, nie lange gehalten. Zu unübersichtlich, zu gegensätzlich sind inzwischen die Interessen aller, die in diesem furchtbaren Krieg ihre Hände im Spiel haben.

Auf die Frage, was wohl sein schwerster außenpolitischer Fehler sei, antwortete Barack Obama dem FernsehsenderFox News im Frühjahr: die fehlgeschlagene Libyen-Intervention. Wortwörtlich sagte Amerikas 44. Präsident und Friedensnobelpreisträger: "Wahrscheinlich das Scheitern beim Konzipieren eines Plans am Tag nach der Intervention in Libyen, die mir damals als richtige Entscheidung erschien."

Obama hätte noch einen mindestens ebenso schwerwiegenden und folgenreichen Fehler hinzufügen können: sein hinhaltendes, unentschiedenes und inkonsistentes Handeln im Syrien-Konflikt. Es hat Hunderttausende Menschen das Leben gekostet und Millionen in die Flucht getrieben.

2012 schien Assad zu wanken

Als die Syrien-Krise 2011 ausbrach, gab es viele Stimmen, die eindringlich warnten: Gelinge es nicht, diesen Konflikt schnell einzuhegen und politisch zu lösen, werde er die gesamte Region und womöglich sogar die Welt in schwere Turbulenzen stürzen.

Doch die Warnungen wurden nicht ernst genommen oder in den Wind geschlagen. Am Anfang, 2012, als der IS noch nicht Fuß gefasst hatte, als Assad zu wanken schien und Russland und der Iran ihm noch nicht in der heutigen Stärke militärisch zur Seite standen, lehnte Obama die Bewaffnung moderater Rebellenkräfte ab. Gegen den Rat seiner damaligen Außenministerin Hillary Clinton, seines Generalstabschefs und seines CIA-Direktors.

Obama weigerte sich sogar, Flugverbotszonen für Assads Luftwaffe und Schutzzonen für Flüchtlinge einzurichten und durchzusetzen. 2012 warnte er zwar Syriens Regierung vor einer Eskalation und vor allem vor dem Einsatz von Giftgas. Damit, sagte er damals, wäre die "rote Linie" überschritten – sollte heißen: In diesem Fall bliebe Amerika nichts anderes übrig, als militärisch einzugreifen.

Doch als ein Jahr später, im Sommer 2013, Assad nachweislich Giftgas einsetzen ließ und in den Vororten von Damaskus mindestens 1.400 Menschen daran qualvoll starben, nahm Obama von seiner ultimativen Drohung Abstand. Stattdessen ließ er sich auf einen Kompromiss des russischen Präsidenten Wladimir Putin ein, der vorgeschlagen hatte, die syrischen Vorräte an Giftgas außer Landes zu bringen und unschädlich zu machen.

"Assad must go!"

Schließlich: Als Putin dem strauchelnden Assad zu Hilfe eilte und mit seiner Luftwaffe massiv in den Bürgerkrieg eingriff, prophezeite Obama den Russen ein militärisches "Desaster". Eingetreten ist es bislang nicht. Im Gegenteil, dank der Unterstützung aus Moskau konnten sich Assad, sein Regime und seine Armee Schritt für Schritt stabilisieren. 2011 noch hatte Obama gefordert, "Assad must go!", Assad muss weg. Fünf Jahre später sitzt der Despot immer noch in seinem hoch gesicherten Präsidentenpalast in Damaskus, während sein Volk stirbt oder flieht und das Land in Trümmern liegt.

Nicht, dass Amerika sich aus dem Konflikt herausgehalten und völlig beiseite gestanden hätte. Die US-Luftwaffe flog und fliegt weiter Angriffe, die Militärexperten bilden unterschiedliche Rebellentruppen aus und versorgen sie mit Waffen. Doch Amerikas alleiniges Ziel ist der IS, die Terroristen des "Islamischen Staats" sollen gestoppt und unschädlich gemacht werden. Das Ziel ist es nicht, Assad zu beseitigen oder dem Massenmörder zumindest Einhalt zu gebieten.

Angst vor einem neuen Stellvertreterkrieg

Das ginge heute auch kaum noch. Obama sind die Hände gebunden, steckt er doch inzwischen in einem ebenso politischen wie militärischen Dilemma. Weil die Russen nun ganz offen als Kriegspartner der syrischen Regierung zur Seite stehen, sind Angriffe auf Assads Armee für Amerika tabu. Niemand will eine noch größere Eskalation mit unabsehbaren Konsequenzen heraufbeschwören.

Ebenso sind Obama inzwischen auch bei der Unterstützung von Aufständischen Grenzen gesetzt. In diesen Tagen zum Beispiel hilft Amerika mit gezielten Luftangriffen den in Syrien einmarschierten türkischen Panzereinheiten, jedenfalls solange sich deren Aktionen gegen den IS richten. Doch Erdoğans Truppen schießen aus eigennützigen politischen Gründen ebenso auf kurdische Rebellen, die gegen den IS kämpfen. Die jedoch werden seit Jahren von Amerika ausgebildet und ausgerüstet.

In einem Interview mit dem Fernsehsender CBS äußerte Obama im vergangenen Herbst, warum er sich in militärischer Zurückhaltung übt: "Ich war von Anfang an skeptisch gegenüber der Idee, dass wir im Endeffekt einen Stellvertreterkrieg in Syrien starten sollen."

Kein neues Vietnam

Schon als Obama 2009 das Amt des Präsidenten und Oberbefehlshabers antrat und entscheiden musste, wie es im Afghanistan-Krieg weitergehen sollte, tat er kund, dass Amerikas letzte Kriege alle gescheitert seien. Nur sehr widerwillig stimmte er darum einer zeitlich begrenzten Aufstockung der US-Truppen in Afghanistan zu.

Allen seinen Beratern, zivilen wie militärischen, empfahl er damals zur Lektüre das Buch Lessons in Disaster. Gordon Goldstein beschreibt darin, wie sich Amerika in den sechziger Jahren unter John F. Kennedy, aber dann vor allem unter Präsident Lyndon B. Johnson Schritt für Schritt in den Vietnamkrieg ziehen ließ, einen Stellvertreterkrieg, der nicht zu gewinnen war, jedenfalls nicht, ohne einen neuen Weltkrieg zu riskieren. Eine Wiederholung wollte Obama um jeden Preis verhindern.

Bürgerkriege enden meist dann, wenn eine Seite verliert oder wenn beide Seiten völlig erschöpft sind. Das wäre in Syrien um ein Haar der Fall gewesen, jedenfalls am Anfang des Konflikts. Damals standen sich Assads Armee und die Rebellen noch allein gegenüber. Und womöglich hätte man zu diesem Zeitpunkt noch mit Flugverbotszonen, mit geschützten Rückzugsgebieten für Flüchtlinge und mit gezielter Unterstützung gemäßigter Aufständischer das furchtbare Leid noch verhindern und eine politische Lösung herbeiführen können.

Dafür ist es jetzt zu spät. Heute steht keine einzige syrische Konfliktpartei mehr allein. Es sind auch nicht mehr zwei, die sich gegenüberstehen, sondern eine Vielzahl mit höchst unterschiedlichen Interessen und Zielen. Wann immer eine von ihnen Boden verliert oder an Boden gewinnt, greifen ausländische Mächte ein.

Heute, fünf Jahre später, ist der syrische Bürgerkrieg genau das, wovor Obama gewarnt hat: ein Stellvertreterkrieg. In ihm mischen Russland und der Iran mit, die Türkei und Saudi-Arabien, die Golfstaaten, Amerika und einige europäische Staaten. 2011 war das noch nicht der Fall.