Lokale Akteure, die nicht mit dem syrischen Regime verbunden waren, gab es in Syrien nicht – bis zu den Aufständen im Jahr 2011 hatte der Sicherheitsapparat dies verhindert. Die Beamten kamen zum allergrößten Teil aus der Minderheit der Alawiten unter Präsident Baschar al-Assad; sie lebten und bereicherten sich von Schutzgelderpressungen im Austausch für Sicherheitsleistungen. Und in den Gegenden Syriens, die in der Hand des Regimes liegen, funktioniert dieses System immer noch so. Doch wo die Regierungstruppen sich zurückgezogen haben, hat es sich aufgelöst.

Die lokale Bevölkerung gewann dafür ihre Eigenständigkeit zurück. Diese Rebellengebiete sind vor allem durch sunnitische Muslime bevölkert und umfassen Teile Nord-, Zentral- und Südsyriens außerhalb der Kontrolle des Assad-Regimes und des "Islamischen Staats".

Um das Vakuum zu füllen, das durch den Rückzug des Regimes entstand, haben Aktivisten lokale Behörden errichtet und sich mit der neu entstandenen Freien Syrischen Armee (FSA) koordiniert. Seit 2012 untergraben die vorherrschenden Dschihadisten und ausländischen Kämpfer die zivilen Wurzeln der Revolte und erschweren lokale Selbstverwaltungsstrukturen. Dennoch konnten die Dschihadisten kein Monopol auf die Kontrolle über die Rebellengebiete erlangen. Abgesehen von ihrer Schlagkraft und ihrer Gewaltbereitschaft variiert der dschihadistische Einfluss je nach Gebiet und ist abhängig von der Macht der neuen oder wiederauflebenden lokalen Eliten, den religiösen oder gesellschaftlichen Traditionen und dem Gleichgewicht der Kräfte der unterschiedlichen Rebellengruppen.

Besser keine Prügelstrafe für Raucher

Ein Beispiel für lokale Strukturen, die den Extremismus zügeln, zeigt sich auf der südlichen Hauran-Ebene, dem Ursprungsort der Revolte. Geistliche aus Damaskus, die einer rationalen islamischen Tradition folgen, weiteten ihren Einfluss über die Gegend durch Handelsverbindungen bis zur Arabischen Halbinsel aus. Eine kleiner Zweig des Masalmeh-Klans, von denen manche im Irak und Afghanistan gekämpft hatten, bildete eine Gruppe, die sich mit der Nusra-Front und danach mit dem selbst ernannten "Islamischen Staat" verbündete und FSA-Einheiten in Deraa bekämpft. Dennoch blieb ihr Einfluss begrenzt, nicht zuletzt weil ihre Versuche, strenge soziale Codes durchzusetzen (zum Beispiel die Prügelstrafe für Männer, die beim Rauchen erwischt werden), nicht besonders gut ankamen in einer Bevölkerung, die traditionell Religiosität mit persönlicher Freiheit verbindet.

Haurans Unterteilung in große Klans stand den Dschihadisten ebenso im Weg. Zum Beispiel hatte die Nusra-Front-Zelle in Deraa, die vor allem aus dem Hariri-Klan bestand, im Jahr 2014 die lokalen Geistlichen dazu gedrängt, die dortige FSA-Einheit als kuffer zu bezeichnen – also Ungläubige –, weil sie vom Westen gestützt werde. Die Nusra-Mitglieder erfuhren jedoch Widerstand von ihren eigenen Verwandten im Hariri-Klan, weil die betroffene Einheit von einem Offizier aus dem Nusairat-Klan geführt wurde. Das ließ die Blutfehde zwischen den zwei großen Klans in Hauran wieder aufleben.

Mit dem Niedergang der offiziellen Regierung hat der Klan als soziale Einheit wieder an Bedeutung gewonnen. Klanstrukturen und -zugehörigkeiten werden allerdings beeinflusst von den sich verschlechternden Lebensumständen und der Entfremdung einer neuen Generation aus armen Jugendlichen, die vom Krieg gezeichnet sind. All dies sind Faktoren, die dem "Islamischen Staat" mit seinen reichen Geldreserven in die Hände spielten. Ähnlich verhielt es sich im Rest der syrischen Rebellengebiete. Viele Jugendliche waren zwölf bis vierzehn Jahre alt, als die Revolte begann, und erhalten seit fünf Jahren keine Bildung mehr. Lokale FSA-Kommandeure, die von den USA unterstützt werden, sollen sich einmal im Vertrauen beschwert haben, dass ihre Vorschläge von Washington abgewiesen wurden, schwache Jugendliche mit 50 US-Dollar pro Monat zu unterstützen – damit sie zu Hause bleiben können, anstatt sich dem "Islamischen Staat" anzuschließen.

In anderen syrischen Gebieten tendieren lokale Gemeinschaften ohne externe Hilfe dazu, sich auf pragmatische Weise mit den Dschihadisten zu arrangieren. In südlichen Teilen der Idlib-Provinz, die an die Türkei grenzt, haben die lokalen Eliten die Schlagkraft der Nusra-Front genutzt, um Attacken des Regimes abzuwehren. Allerdings gingen sie auf Nummer sicher, indem sie Allianzen mit anderen islamistischen Gruppen abwiesen, obwohl sie weniger radikal waren.