Russland kündigte vor einigen Tagen eine 48-stündige Waffenruhe in Aleppo an, dennoch geht die Gewalt in der heftig umkämpften Stadt ungehemmt weiter. Letzte Woche erregte das Foto des traumatisierten Jungen Omran weltweites Aufsehen; er überlebte einen Luftangriff, sein älterer Bruder starb inzwischen. Strategisch steht in Aleppo für alle Seiten so viel auf dem Spiel, dass sich die ehemalige Handelsmetropole zu einem Mikrokosmos des syrischen Bürgerkrieges entwickelt.

Wer sind die Protagonisten vor Ort und wer ist im Hintergrund an diesem Krieg beteiligt? 

Assads Truppen und ihre Mitkämpfer

Unter der Deckung russischer Luftangriffe gelang es der syrischen Armee Mitte Juli, im Norden Aleppos die letzte Nachschubtrasse der Aufständischen in die Türkei zu kappen. Maßgeblich an der Umzingelung beteiligt waren Kämpfer der Hisbollah sowie schiitische Milizen aus dem Irak und Iran, die von der Islamischen Republik rekrutiert und besoldet werden. Zwei Wochen später gelang es im Gegenzug einer breiten Koalition von sunnitischen Rebellen, im Südwesten Aleppos einen neuen Korridor freizukämpfen. Die syrischen Soldaten konnten trotz russischer Luftunterstützung die massiv befestigten Militäranlagen in dieser Stadtregion nicht halten und mussten sich zurückziehen. Die Armee von Baschar al-Assad leidet unter chronischem Personalmangel. Ihre Kampfmoral ist geschwächt.

Russland und der Iran

Beide Verbündete verfolgen seit Monaten mit aller Gewalt das Ziel, durch eine Eroberung Aleppos den syrischen Bürgerkrieg zugunsten ihres Schützlings Baschar al-Assad zu wenden. Die seit Februar laufenden Genfer Verhandlungen dienten Moskau und Teheran lediglich als Vorwand, um ihre Offensive voranzutreiben. Gleichzeitig sind der Iran und Russland im syrischen Machtspiel aber auch Konkurrenten, die Assad gegeneinander ausspielen kann. Wenn Russland auf Druck des Westens eine Feuerpause oder eine Reduzierung der Kämpfe durchsetzen will, springt der Iran mit seinen Milizen, Revolutionären Garden und militärischen Beratern ein. Kürzlich erlaubte der Iran erstmals russischen Langstreckenbombern, von der Shahid-Nozheh-Luftwaffenbasis in Hamadan aus zu operieren. 

Die Aufständischen – Moderate und Dschihadisten

Unter den Aufständischen, die untereinander durch lokale Bündnisse verwoben sind, geben die Islamisten von Jaish al-Islam, Ahrar al-Scham und Dschabhat Fatah al-Scham, der früheren Al-Nusra-Front, den Ton an. Wegen ihrer Disziplin und Kampfkraft werden die Dschihadisten von moderateren Rebellenbrigaden als Verbündete sehr geschätzt. Die Aufständischen in Aleppo wurden in den letzten Monaten vor allem über die Türkei aufgerüstet. Dem westlichen Standpunkt, dass die Al-Nusra-Front eine Terrororganisation ist, schließt sich Ankara nicht an. Ausdrücklich nahm der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Al-Kaida-nahen Einheiten kürzlich in Schutz: "Angesichts der Tatsache, dass die Al-Nusra-Front auch gegen den IS kämpft, sollte sie nicht als Terrororganisation eingestuft werden."

Die Türkei

Ankara hatte in Syrien von Anfang an zwei Kriegsziele – den Sturz von Baschar al-Assad und die Blockade einer kurdischen Autonomie. Jahrelang duldete die Türkei den Einstrom von Dschihadisten aus aller Welt in das Nachbarland. Doch nach den immer brutaleren Terrortaten des "Islamischen Staates" auf türkischem Boden, wie zuletzt gegen eine Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep, will Ankara jetzt offenbar umsteuern. Ex-Geheimdienstchef İsmail Hakkı Pekin reiste nach Damaskus, um eine Wiederannäherung auszuloten. Der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım bot Moskau erstmals eine Kriegsallianz gegen den IS an und sagte, niemand solle sich wundern, "wenn es in den nächsten Monaten beim Thema Syrien bedeutende Entwicklungen geben sollte". Im Gegenzug erhofft sich Staatschef Recep Tayyip Erdoğan freiere Hand gegen den kurdischen Unabhängigkeitsdrang. Sollte sich Russland bereit erklären, seine Waffenhilfe für die syrischen Kurden zu reduzieren, wäre Ankara möglicherweise bereit, den Nachschub für die Rebellen in Aleppo zurückzufahren und sie ans Messer zu liefern. 

Saudi-Arabien und Katar

Die beiden arabischen Golfstaaten, die hinter den islamistischen Rebellenverbänden stehen, geraten in die Defensive. Die Friedensgespräche in Kuwait zum Jemen sind gescheitert, der von Saudi-Arabien vom Zaun gebrochene Krieg mit dem südlichen Nachbarn flammt derzeit wieder in voller Härte auf. Die taktische Wiederannäherung der Türkei an den Iran, Russland und Assads Regime könnte dazu führen, dass die Monarchen am Golf ihre Waffenhilfe für die Rebellen über die Türkei bald spürbar drosseln müssen.

USA und die Europäer

Die westlichen Mächte schließen nach wie vor ein militärisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg aus. Bisher versuchten sie vergebens, Russland zu einem wirklichen Angriffsstopp auf Aleppo zu bewegen. An einem Sturz von Baschar al-Assad ist man in Washington, London, Paris und Berlin derzeit nicht mehr interessiert, obwohl sich das Regime grauenhafte Massenverbrechen hat zuschulden kommen lassen. Militärische Erfolge dagegen gibt es im Verbund mit kurdisch-arabischen Einheiten gegen den "Islamischen Staat", wie zuletzt durch die Eroberung der Stadt Manbidsch, von der aus die Terroranschläge in Paris und Brüssel geplant wurden.

Die Kurden

Der Nordosten Syriens entwickelt sich momentan zu einem weiteren Kriegsschauplatz. In den vergangenen Tagen gab es in der Stadt Hassaka zwischen Regimetruppen und Kurden ungewöhnlich heftige Kämpfe, in die auch die syrische Luftwaffe eingriff. Dabei schienen sich die Kurden mit dem Assad-Regime in der Vergangenheit weitgehend arrangiert zu haben. So halfen ihre Truppen Mitte Juli, die Rebellen in Aleppo einzukesseln, und sie befreiten – unterstützt von der US-Luftwaffe – die Stadt Manbidsch aus der Hand des "Islamischen Staates". Als politischen Preis für ihren Feldzug gegen die Dschihadisten jedoch fordern die Kurden eine Autonomie innerhalb Syriens. Ein Horrorszenario nicht nur für das Assad-Regime, sondern auch für die Türkei.