Die Türkei will ihrem EU-Botschafter zufolge spätestens in sechs Jahren Mitglied der EU werden. Selim Yenel sagte der Welt, die Türkei feiere im Jahr 2023 hundertjähriges Bestehen. "Es wäre die Krönung für mein Land, dann Mitglied der Europäischen Union zu sein", sagte der Botschafter.

Zuletzt hatten allerdings mehrere EU-Außenpolitiker wegen der Folgen des Putschversuchs in der Türkei ein Ende der Beitrittsverhandlungen gefordert. Als Gründe führten sie die Massenverhaftungen von Tausenden Staatsbediensteten, Soldaten und Zivilpersonen an sowie Äußerungen türkischer Politiker, die die Wiedereinführung der Todesstrafe erwägen. 

Yenel sagte, dass die Bedingungen für einen Beitritt momentan "nicht so günstig" seien. Das könne sich aber schnell ändern. Eine EU-Mitgliedschaft würde dem EU-Botschafter zufolge die Standards in der Türkei in allen Bereichen erhöhen, also in politischen und wirtschaftlichen Fragen, aber auch beim Verbraucher- und Gesundheitsschutz. Daher strebe die Türkei eine "vollwertige Mitgliedschaft" an. "Für uns wäre es langfristig nicht akzeptabel, nicht zur EU zu gehören. Der EU-Beitritt ist sehr wichtig für uns", sagte Yenel.

Dagegen sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in einem Interview mit der Tiroler Tageszeitung, dass die Türkei in absehbarer Zeit kein Mitglied der EU werde. Die Verhandlungen würden sich über viele Jahre hinziehen. Derzeit sei das Land weder beitrittsbereit noch beitrittsfähig. Trotzdem warnte er davor, die Beitrittsverhandlungen abzubrechen. Das wäre ein "schwerwiegender diplomatischer Fehler", sagte Juncker.

Die Türkei ist seit 1999 EU-Beitrittskandidat, 2005 starteten die offiziellen Verhandlungen. Die Gespräche liefen jedoch schleppend, von 35 Beitrittskapiteln wurden bislang 14 bearbeitet.

Yenel fordert Visafreiheit für Türken noch in diesem Jahr

Die diplomatischen Beziehungen zwischen der EU und der Türkei sind angespannt. Zuletzt kam aus der EU viel Kritik am Vorgehen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gegen angebliche Unterstützer des gescheiterten Putschversuchs. Gleichzeitig braucht die EU die Türkei, um mit der Flüchtlingskrise umgehen zu können. Yenel sagte dazu, er glaube nicht, dass das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei scheitern werde. Seiner Ansicht nach hat die Türkei alle Verpflichtungen gegenüber der EU eingehalten. Jetzt erwarte er das umgekehrt genauso.

Er forderte Visafreiheit für Türken noch in diesem Jahr. "Wir haben große Zweifel, dass die EU die Visumspflicht für Türken wirklich aufheben wird, wenn wir alle dazu notwendigen 72 Bedingungen erfüllt haben", sagte er. "Wir wollen jetzt von der EU Garantien, dass sich Brüssel auch wirklich an die Absprachen hält."

Der Streit um die Visafreiheit und damit der Erfolg oder Misserfolg des Flüchtlingsabkommens betrifft Deutschland besonders, denn Kanzlerin Angela Merkel steht wegen der im Vergleich zu anderen EU-Staaten liberalen Flüchtlingspolitik unter Druck. Das deutsch-türkische Verhältnis wurde jüngst durch das Bekanntwerden einer vertraulichen Analyse aus dem Bundesinnenministerium belastet, aus der hervorgeht, dass die Türkei unter Erdoğan seit Jahren islamistische und als terroristisch eingestufte Organisationen unterstützt.

Merkel sieht "besondere Verbindung" zwischen Deutschland und Türkei

Merkel sagte nun den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland, es gebe ungeachtet aktueller Misstöne "eine besondere Verbindung" zwischen Deutschland und der Türkei. Grund seien die mehr als drei Millionen türkischstämmigen Menschen, die in Deutschland lebten.

Auch gegenüber der Türkei gelte: "Ein gutes Verhältnis ist einem angespannten vorzuziehen", sagte Merkel. In diesem Geist führe sie die Gespräche mit Präsident Erdoğan. Der versuchte Putsch, in dessen Folge viele Menschen starben, sei für die Türkei ein schlimmer Einschnitt gewesen. Die Türkei sei als Nato-Mitglied ein wichtiger Partner und für die Lösung etwa des Syrien-Konflikts wichtig. Die Türkei habe drei Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. "Das ist eine große Leistung. Sie ist damit das Land, das den größten Beitrag zur Lösung der humanitären Katastrophe von Syrien leistet", sagte Merkel.