Ende Januar 2013 kam Mohammed Mursi nach Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel traf sich mit ihm, die beiden traten gemeinsam vor die Presse, der ägyptische Präsident warb um deutsche Touristen, Merkel warb für die Menschenrechte. Die deutsche Bundesregierung hatte politische Differenzen mit Mursi, dem Muslimbruder. Aber das hielt sie weder davon ab, sich offiziell mit ihm zu treffen, noch hielt es sie davon ab, dagegen zu protestieren, als Mursi nach dem Putsch des Militärs eingesperrt wurde.

Warum dieser Rückblick? Weil heute, im August 2016, das deutsche Innenministerium Solidaritätsbekundungen für Muslimbrüder offenbar grundsätzlich gefährlich findet. Zumindest, wenn sie nicht aus Deutschland kommen, sondern aus der Türkei. In der Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der Linkenpolitikerin Sevim Dağdelen heißt es laut ARD: "Die zahlreichen Solidaritätsbekundungen und Unterstützungshandlungen für die ägyptische MB (Muslimbruderschaft), die Hamas und Gruppen der bewaffneten islamistischen Opposition in Syrien durch die Regierungspartei AKP und Staatspräsident Erdoğan unterstreichen deren ideologische Affinität zu den Muslimbrüdern."

An den Aussagen des Ministeriums, die jetzt für so viel Aufmerksamkeit sorgen, ist einiges bemerkenswert, Zuerst, dass es die Anfrage allein beantwortet hat und nicht in Abstimmung mit dem eigentlich zuständigen Auswärtigen Amt. Von einem "Büroversehen" spricht die Regierung.

Dadurch sind harsche Töne öffentlich geworden, die die Bundesregierung im Umgang mit der Türkei sonst penibel vermeidet. Am stärksten wiegt dabei dieser Vorwurf: "Als Resultat der vor allem seit dem Jahr 2011 schrittweise islamisierten Innen- und Außenpolitik Ankaras hat sich die Türkei zur zentralen Aktionsplattform für islamistische Gruppierungen der Region des Nahen und Mittleren Ostens entwickelt."

Nun ist "Aktionsplattform" aber ein unpräziser Begriff. Wie genau hat die türkische Regierung welche "Aktionen" unterstützt? Sind politische Aktionen gemeint oder Terrorangriffe? Das lässt das Ministerium, das sich auf Informationen des BND beruft, offenbar offen.

Dass es schwierig ist, die Grenze zu ziehen zwischen der Unterstützung islamistischer  Terroristen und notwendiger Diplomatie, zeigt nicht nur der Fall Mursi, sondern auch der Fall Hamas. Ja, deren Anführer Chalid Maschal war dieses Jahr zu Besuch bei Präsident Tayyip Erdoğan in Istanbul. Die Hamas ist eine Terrororganisation, aber sie regiert auch de facto weite Teile der palästinensischen Gebiete. Wer dort gewaltlos Einfluss nehmen will, muss in irgendeiner Form Kontakt zu Hamas halten. Deutsche Diplomaten müssen sich deshalb nicht mit Maschal treffen. Aber sie sollten es anderen Ländern auch nicht als Terrorunterstützung auslegen. Das sind Abwägungen, für die das Auswärtige Amt zuständig ist – und die in der Stellungnahme nun fehlen.