Die Türken schauen in diesen Tagen so intensiv wie selten auf die Berichterstattung des Auslands beziehungsweise auf das, was ihnen ihre Medien davon präsentieren. Sie wollen wissen, wie der Rest der Welt das Land nach dem Putschversuch sieht, und wir sollten ihnen – und vor allem uns – den Gefallen tun, nicht nur mit bequemem Erdoğan-Bashing zu reagieren, sondern mit gewissenhaften Abwägungen und echter Neugier. Deshalb im Folgenden zehn Überlegungen zu diesem noch längst nicht aufgeklärten Putschversuch, seiner Vorgeschichte und seinen Folgen.

1.   War alles nur Theater?
Selbst wer noch so sehr zu Verschwörungstheorien neigt, sollte diese These getrost vergessen. Es gibt kaum einen ernst zu nehmenden Beobachter in der Türkei, der sie stützt. Sogar die schärfsten Regierungskritiker glauben nicht daran. Viele Intellektuelle und Liberale, die sowohl unter der AKP-Regierung als auch unter dem Gülen-Netzwerk (als dieses noch politischer Verbündeter war) gelitten haben, Jobs verloren oder sogar ins Gefängnis gesteckt wurden, sind derzeit wütend und enttäuscht über den Westen. Sie können es nicht begreifen, dass die westliche Öffentlichkeit so zaghaft darin war, den Putsch zu verurteilen und sich solidarisch zu zeigen mit der Türkei. Dass auch die AKP das so sieht, macht den Eindruck nicht falsch. Diese Leute sind nicht nur wütend, sie haben auch Angst. Angst davor, dass die Regierung von Präsident Erdoğan nun die Situation einer real da gewesenen Gefahr dafür ausnutzt, um nicht nur Verdächtige zu verfolgen, sondern auch Regierungskritiker. Diese Angst ist verständlich.

Wenn nun einige europäische und deutsche Politiker einen Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei fordern, sollten sie auch einen Augenblick an diese Leute denken. Es sind doch eigentlich ihre Verbündeten.

2.  Die Gülen-Bewegung als Projektion des Westens
Die Gülen-Gemeinde ist die große Black Box in dieser Geschichte. Viele investigative Journalisten und Forscher haben sie in der Vergangenheit immer wieder als Sekte beschrieben, die ihre eigenen Vorstellungen von der Gesellschaft durchsetzen will. Aber niemand hat richtig tiefen Einblick, und dass sich "Aussteiger" negativ über den Verein äußern, ist auch nicht verwunderlich und taugt deshalb nur schlecht als Beleg.

Tatsache aber ist, dass der Anführer Fethullah Gülen sehr verehrt, aber kaum hinterfragt wird. Seine Haltung zu den bisherigen Putschen in der Türkei ist bemerkenswert: Den letzten "erfolgreichen" 1980 verurteilte er nicht, sondern begrüßte als Antikommunist, dass besonders Linke darunter litten. Den "kalten" Putsch 1997 verurteilte er auch nicht, obwohl er danach ins Exil musste.

In Deutschland aber ist das Netzwerk politisch gut gelitten. Auch hier betreibt es Schulen, sie sind das Rückgrat der Bewegung. Viele deutsche Politiker lassen sich auf Veranstaltungen etwa der Gülen-nahen Zeitung Zaman blicken, sprechen Grußworte und loben den Bildungshunger der Bewegung. Rita Süssmuth, Gesine Schwan, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Cem Özdemir, sie alle waren auf diesen Veranstaltungen zu sehen. Ausgewiesene Kritiker der Bewegung aus der Türkei dagegen nicht. Ich selbst war auf mehreren dieser Zaman-Konferenzen, ich würde auch wieder hingehen, wenn ich eingeladen werde. Doch ganz unrecht hatte der türkische Journalist und Gülen-Kritiker Ruşen Çakır nicht, als er kürzlich formulierte: Für den Westen muss das demonstrierte Islamverständnis der Gülen-Bewegung, das auf Dialog der Religionen ausgelegt ist, im Vergleich zur autoritären Erscheinung eines "AKP-Islams" wie eine Verheißung gewirkt haben. Gülen stillte eine Sehnsucht, auch in Deutschland: Ein Prediger, der sagt: "Baut Schulen statt Moscheen!" – den lässt man gerne erst mal machen.

Die böse Presse

3. Die Heuchelei der AKP
Das Gülen-Netzwerk war eine Art Kaderschmiede für den öffentlichen Dienst in der Türkei und als solche Partner der regierenden AKP. Denn die brauchte neue Kader, als sie 2003 an die Macht kam. Die bisherigen kemalistischen Eliten konnten Gülen und AKP so gemeinsam verdrängen.
Bemerkenswert ist, wie die Regierung nun mit dem Umstand umgeht, dass ihr früherer Partner den Aufstand geprobt hat. Nach der Korruptionsaffäre im Dezember 2013, deren Aufdeckung von Gülen-nahen Staatsanwälten initiiert wurde und in die Mitglieder der Regierung involviert waren, sagte Erdoğan enttäuscht: "Was wollten sie und haben es von uns nicht bekommen?" Es war das erste sichtbare Zeichen eines längst begonnen Machtkampfes (was die Korruptionsvorwürfe nicht per se unglaubwürdig macht). Heute sagt Präsident Erdoğan in Bezug auf die Allianz mit Gülen: "Wir wurden fehlgeleitet."

4.  "Das Volk" gegen die Panzer
Die Erzählung der Regierung über die Nacht des 15. Juli lautet: Es war "das Volk" selbst, das die Putschisten gestoppt hat. Vor allem die Regierung arbeitet unablässlich an der Verbreitung dieser Erzählung, nur wenige Tage nach dem Putschversuch brachte die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu eine Chronik der Nacht heraus, mit vielen beeindruckenden Bildern und Grafiken. Abgesehen davon, dass man als in Deutschland sozialisierter Mensch ein Problem mit der Definition von "Volk" haben kann (und dem gleichzeitigen Rausdefinieren von anderen), ist diese Erzählung nicht falsch, nur weil sie von der Regierung kolportiert wird. Viele waren draußen und haben sich gegen die Panzer gestellt. Interessant ist eine Umfrage des Instituts Metropoll aus dem Jahr 2012, die (damals noch hypothetisch) danach fragte, ob die Menschen bei einem Putsch auf die Straße gehen und protestieren würden. Damals sagten 65,8 Prozent Ja, 26,7 Prozent Nein.

5.  Die böse Presse
Die Meinungs- und Pressefreiheit leidet seit Längerem in der Türkei, regierungskritische Journalisten werden unter Druck gesetzt und eingeschüchtert, und teilweise von "Kollegen" der AKP-nahen Organe öffentlich angegriffen. Und bitte, jeder weiß, dass das so ist, da braucht sich jetzt auch kein AKP-Anhänger hier oder dort großartig aufzuregen.
Eigentlich sollte die Regierung nun spätestens mit dem Putschversuch verstanden haben, dass es dem überwiegenden Teil unserer türkischen Kollegen nicht darum ging, die Regierung stürzen zu sehen, sondern ihre Politik zu kritisieren. Selbst die ärgsten Kritiker, ob Journalisten, Publizisten, Intellektuelle, haben nach dem Putschversuch klar gesagt: Das hier ist zwar nicht unsere Regierung, aber so geht es nicht! In einem der kritischsten Momente der Putschnacht hat CNN Türk Präsident Erdoğan per Facetime zugeschaltet, sodass er zur Bevölkerung sprechen konnte. Ein Moment, der die Wende gebracht haben könnte. CNN Türk gehört zur Doğan-Gruppe, die die Regierung auch gern mit Prozessen überzieht.

6.  Auf Wiedervorlage
Wenn es also so sein sollte, dass die Gülen-Bewegung viele Posten im Staat besetzt hat, also im Justiz- und Sicherheitsapparat, so muss man einige Ereignisse und politische Entscheidungen der jüngsten Vergangenheit in der Türkei noch einmal neu betrachten. Das gilt für Schauprozesse gegen Militärs (die sogenannten Ergenekon- und Balyoz-Prozesse) ebenso wie für den gescheiterten Friedensprozess mit der kurdischen PKK. Und für die Frage, welche Rolle die Gülen-Kader in der Repression gegen Kurden und andere Gruppen spielten (was nicht heißt, dass nur Gülen-Anhänger unterdrückt haben müssen).

7.  "Hexenjagd"
Selbst wenn bewiesen werden sollte, dass eine verschworene sektiererisch-nationalistisch-militärische Gruppe innerhalb der Gülen-Bewegung den Putsch initiiert hat – was passiert dann mit den harmlosen Gülen-Anhängern, die diesen nur aus spirituellen Gründen verehren? Wer schützt sie? Man muss diese Art des Glaubens nicht mögen, aber nicht jeder einzelne Gülen-Anhänger ist ein Putschist oder Umstürzler.

Kann mann da noch hinfahren?

8.  Erdoğan der Superpragmatist
Der Präsident der Türkei ist vieles nicht (Monster, Sultan, überzeugter Demokrat), aber eines ist er sicher: ein Pragmatist. Am Dienstag traf er in St. Petersburg nach vielen eisigen Monaten seinen "Freund" Wladimir Putin. Die Beziehungen waren eingefroren, nachdem die Türken im vergangenen Jahr einen russischen Kampfjet abgeschossen hatten. Seitdem bemühten sich die Türken darum, das Eis zum Schmelzen zu bringen – zuletzt war das Land nahezu isoliert. So kam es, dass Putin der Erste war, der Erdoğan nach dem Putsch anrief, nicht Bundeskanzlerin Merkel oder US-Präsident Obama. Da ist er ganz Realpolitiker. Diese Eigenschaft sollte man bedenken, bevor man sein Schwadronieren über die Todesstrafe nun allzu ernst nimmt.

9.  Doppelte Staatsangehörigkeit
Weil auch in Deutschland einige Türkeistämmige nach dem Putsch sich die Todesstrafe für ein Land wünschten, in dem sie selbst nicht leben, oder, weniger schlimm, glühende AKP- und Erdoğanfans sind, denken deutsche Politiker laut darüber nach, gleich alle "Türken" zu bestrafen und die doppelte Staatsbürgerschaft wieder abzuschaffen. Es gibt gute Gründe, sauer auf diese Leute zu sein. Wichtiger wäre aber, die integrationspolitische Errungenschaft Doppelpass beizubehalten (mehr dazu auf Seite 1 der aktuellen Printausgabe der ZEIT).

10.  Kann man da noch hinfahren?
Diese Frage wird mir oft gestellt. Die jüngsten Ereignisse sind erschreckend, ja. Und im kurdischen Südosten gehen die Kämpfe übrigens auch noch immer weiter. Aber die Türkei ist immer noch ein wundervolles Land mit tollen Menschen, die nicht alle immer über den Putsch sprechen. Sie leben ihre Leben weiter, heiraten, liegen am Strand, bringen ihre Kinder zur Schule, gehen essen. Sie verstecken sich nicht im Keller und warten, bis die schreckliche Zeit vorbei ist – denn die geht irgendwie nicht vorbei. Es gibt viele kritische und mutige Geister, denen man zuhören sollte. Die Leute sind politische Gewalt und krasse Umbrüche gewöhnt, in allen Milieus. Einige, wie die Aleviten oder die Kurden, haben besonders oft und stark gelitten. Auch die AKP-Anhänger sollte man nicht dämonisieren und Erdoğan fortwährend zum Monster erklären (wer das nicht tut, ist nicht gleich Anhänger). Wir sollten die Menschen in der Türkei nicht im Stich lassen. Wir sollten uns nicht wegdrehen.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Fetullah Gülen hätte sich auch zum Putsch gegen Präsident Mursi in Ägypten nicht geäußert. Das hat Gülen aber sehr wohl. Wir haben den Fehler korrigiert und den Satz gelöscht.