Schon mehr als fünf Jahre herrscht in Syrien Krieg. Hunderttausende sind der Auseinandersetzung zum Opfer gefallen, Millionen haben ihre Heimat verloren. Jetzt wird ein neues Kapitel dieses blutigen Konflikts aufgeschlagen.

Warum greift die Türkei jetzt so massiv in den Syrienkrieg ein?

Es ist eine auf den ersten Blick widersprüchliche Situation: Die türkische Führung scheint nun militärisch zu erreichen, was sie seit vier, fünf Jahren immer wollte und von der internationalen Gemeinschaft forderte: die Schaffung einer Pufferzone an der syrischen Grenze; dafür hat sie allerdings ihre Syrienpolitik grundlegend ändern müssen. Erst in den vergangenen Tagen hat Ankara diese Kehrtwende vollzogen. Jahrelang dämonisierten Staatschef Recep Tayyip Erdogan und seine Regierung den syrischen Präsidenten Baschar al Assad in der Hoffnung auf dessen schnellen Sturz. Jetzt erklärte Ministerpräsident Binali Yildirim, Assad könne im Amt bleiben, auch wenn er keine Zukunft habe. Die Türkei ist somit auf einer Linie mit den USA und mit Russland. Erdogans Entschuldigung für den Abschuss eines russischen Kampfjets im November 2015 hat außerdem den Weg für militärische Operationen der Türkei in Syrien freigemacht. Ohne eine Normalisierung der Beziehungen zum Kreml wäre die türkische Armee dem Risiko ausgesetzt, von russischen Luftstreitkräften angegriffen zu werden.

Muss die Türkei nun noch mehr Terror im eigenen Land fürchten?

Als Auslöser der Bodenoffensive gilt der jüngste Anschlag auf eine Hochzeitsfeier in Gaziantep, einer türkischen Millionenstadt nahe der Grenze zu Syrien. 54 Menschen starben, die Hälfte von ihnen waren Kinder und Jugendliche. Die Tat trägt die Handschrift des IS. Damit wurde erneut offenkundig: Die Türkei hat ein immenses Terrorproblem und zwei Todfeinde – die PKK und den IS. Die militanten Kurden kämpfen seit Jahrzehnten für einen eigenen Staat – mit Waffengewalt. Mitglieder der Untergrundorganisation verüben immer wieder Attentate auf militärische und zivile Ziele.

Vor gut einem Jahr haben auch die Dschihadisten des IS dem türkischen Staat den Krieg erklärt. Der Grund: Nach einem Anschlag im Grenzort Suruc, für den Ankara den IS verantwortlich machte, änderte Erdogan seinen Kurs gegenüber den Islamisten. Anfangs hatte er sie in ihrem Kampf gegen Assad unterstützt. Die Türkei galt sogar als Rückzugs- und Rekrutierungsgebiet für den IS. Suruc beendete diese stillschweigende, gleichwohl kaum zu leugnende Allianz. Seitdem geht Ankara entschiedener gegen die Islamisten-Miliz vor. Das hatten die USA und ihre Verbündeten auch immer wieder eingefordert.

Was bedeutet das für den Kurdenkonflikt?

Ankara versucht, den IS vom rund 100 Kilometer langen Grenzabschnitt zwischen Dscharabulus und Azaz zurückzudrängen und dort Milizen der Freien Syrischen Armee (FSA) zu platzieren. Damit will die Türkei verhindern, dass die Kurdenmiliz YPG und deren Partei PYD ihre Gebiete vereint und den Großteil der Grenze kontrolliert. Ein zusammenhängendes, selbstverwaltetes Kurdengebiet in Syrien sieht Ankara als Bedrohung. Es würde separatistische Neigungen im mehrheitlich kurdischen Südosten der Türkei nur anheizen.