Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu hat in einem Interview mit der Bild-Zeitung seinen Ärger über die Europäische Union zum Ausdruck gebracht. "Wir haben uns wie kaum ein anderes Land angestrengt, alle Bedingungen für den EU-Beitritt zu erfüllen", sagte Çavuşoğlu. "Aber das, was wir jetzt von Teilen der EU erleben, sind ausschließlich Drohungen, Beleidigungen und eine totale Blockade. Ich frage mich: Was haben wir verbrochen? Warum gibt es diese Türkei-Feindlichkeit?"

Çavuşoğlu warf den Europäern zudem vor, die Türkei nach dem gescheiterten Militärputsch nicht genügend unterstützt zu haben. "Sie demütigen uns, statt der Türkei zu helfen."

Zur Debatte um die Visafreiheit für Türken, die der Türkei im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsabkommen ab Oktober zugesagt worden war, verwies Çavuşoğlu auf die Verträge. "Und wenn ich auf diese Verträge hinweise, reagieren plötzlich viele gereizt. Aber es kann nicht sein, dass alles, was für die EU gut ist, von unserer Seite umgesetzt wird, aber die Türkei dafür nichts bekommt", sagte der türkische Außenminister.

Gesteuerte Medien?

Die Massenfestnahmen von Anhängern des islamischen Predigers Fethullah Gülen, den die Türkei als Drahtzieher der Putschisten ansieht, verteidigte Çavuşoğlu. Gülens "Terrororganisation" sei "gefährlich" und unterwandere seit 40 Jahren Justiz, Polizei und Militär. Es bestehe die Gefahr eines erneuten Putschversuchs.

Wegen der innenpolitischen Entwicklungen in der Türkei haben zahlreiche Politiker in der EU gefordert, die Visafreiheit zunächst nicht umzusetzen. Die türkische Regierung geht seit dem Putschversuch mit aller Härte gegen Kritiker vor, Zehntausende Staatsbedienstete wurden bereits festgenommen oder entlassen. Zuletzt hatte die Türkei mit der Aufkündigung des Flüchtlingsabkommens gedroht, sollte das Land nicht bis Oktober die Visafreiheit erhalten. Dann könnten wieder vermehrt Flüchtlinge in Griechenland eintreffen.

"Entweder wenden wir alle Verträge gleichzeitig an oder wir legen sie alle zur Seite", sagte Çavuşoğlu. Er forderte auch die Zahlung der vereinbarten drei Milliarden Euro an die Türkei. "Das Geld ist doch nicht für uns, sondern für die Flüchtlinge." Die Türkei trage die Hauptlast aller Länder.

Den deutschen Medien warf der Außenminister "Manipulation und Desinformation" vor. Die Berichterstattung in Deutschland sei "gesteuert in eine Richtung, die nichts mit der Realität in der Türkei zu tun hat". Es könne "kein Zufall sein, dass Medien mit ganz unterschiedlicher politischer Ausrichtung bei der Türkei die gleichen Wörter, die gleiche Rhetorik wählen".