Eigentlich ist es noch zu früh, Bilanz zu ziehen. Schließlich ist Barack Obama noch bis Ende Januar 2017 im Amt. Aus den Nachrichten ist der amerikanische Präsident allerdings fast schon verschwunden, die werden dominiert von Donald Trump und Hillary Clinton. Wie nahezu alle seine Vorgänger ist Obama in den letzten Monaten seiner Präsidentschaft eine "lahme Ente", viel wird er nicht mehr bewegen. Also doch schon der richtige Zeitpunkt, ein Urteil über seine Amtsführung zu fällen?

Derek Chollet hat sich dies zugetraut. Der ehemalige Berater Obamas, der wichtige Positionen im US-Außenministerium, im Weißen Haus und im Pentagon bekleidet hat, legt mit seinem Buch The Long Game eine kluge Analyse der amerikanischen Außenpolitik in den vergangenen siebeneinhalb Jahren vor. Er schreibt aus der Sicht des Insiders, bestens informiert, aber auch sehr wohlwollend, was nicht verwunderlich ist, war er doch an vielen Entscheidungen direkt beteiligt.

Was das Buch lesenswert macht, ist nicht nur der privilegierte Einblick in die Abläufe im Zentrum der Macht. Es ist der Versuch zu erklären, warum sich Obama in Grundfragen immer wieder gegen das "Gruppendenken" in Washington sperrt, warum sich dieser Präsident weigert, nach dem "Drehbuch" des außenpolitischen Establishments zu agieren.

Am deutlichsten wurde dies bei Obamas Entscheidung, in Syrien nicht militärisch einzugreifen, obwohl er zuvor den Einsatz chemischer Waffen durch das Assad-Regime zur "roten Linie" erklärt hatte. Aus Sicht seiner Kritiker war dies der Tiefpunkt einer Außenpolitik, mit der Obama Amerikas Position in der Welt geschwächt und dessen Führungskraft verspielt hat. Für Obama aber war es, wie er später in einem Interview sagte, eine "Befreiung". Noch heute ist er stolz auf diese Entscheidung, die verhindert habe, dass sein Land zum dritten Mal innerhalb eines Jahrzehnts in einen Krieg gegen ein muslimisches Land gezogen wurde, ohne jede Aussicht, Syrien und die Region zu befrieden.

Chollet teilt die Amtszeit Obamas außenpolitisch in zwei Phasen. In der ersten Phase, den Jahren 2009 bis 2011, sei es darum gegangen, den von der Regierung Bush hinterlassenen Scherbenhaufen zusammenzukehren. Obama wollte die Kriege im Irak und in Afghanistan beenden, er wollte das Gefangenenlager Guantanamo schließen und Schluss machen mit der Folter von Terrorverdächtigen.

Dann, im Jahr 2011, sei eine "Kaskade der Krisen" über die Welt hineingebrochen: der Arabische Frühling mit den Umstürzen in Tunesien, Ägypten und Libyen und dem Bürgerkrieg in Syrien, die russische Aggression gegen die Ukraine, der Terrorismus des "Islamischen Staates". Die Regierung musste in Krisenmodus umschalten.

Wenn sich die Ereignisse überstürzen, ist schnelles Handeln gefragt, bleibt wenig Zeit für langfristiges strategisches Denken. Aber gerade darum sei es Obama gegangen, lautet die Kernthese des Buches. Immer wieder, berichtet Chollet, habe sich Obama übereilten Aktionen widersetzt und nach den langfristigen Wirkungen von militärischen Interventionen gefragt. Er wollte wissen: Was dient Amerikas Interessen wirklich? Was stärkt die eigene Nation, was schwächt sie? Sein Zögern sei ihm als Schwäche ausgelegt worden, aber Obama fühlte sich durch die Kritik eher bestärkt. "Bomben auf jemanden zu werfen, nur um zu zeigen, dass man bereit ist, Bomben auf jemanden zu werfen, ist so ziemlich der schlimmste Grund, Gewalt anzuwenden", sagte er.

Obama sei ein Präsident, so hat ihn Chollet beobachtet, der sich seiner Sache ziemlich sicher ist. Er selbst vergleiche sich am ehesten mit republikanischen Vorgängern wie Dwight Eisenhower und George H. W. Bush. Deren nüchterne, an den Realitäten orientierte Weltsicht teile er. Unter den aktiven Politikern stehe er der rationalen, unsentimentalen Angela Merkel am nächsten.

Gewiss ist Obamas viel zitiertes Wort "Don’t do stupid stuff!" ("Macht keinen Blödsinn!") eine etwas schlichte Maxime für das außenpolitische Handeln einer Weltmacht. Aber als Reaktion auf die ideologischen Feldzüge seines Vorgängers George W. Bush ist es verständlich genug. Obama ist überzeugt, dass militärisches Handeln eben nicht die einzige Antwort auf die vielfältigen Krisen dieser Welt ist, dass Diplomatie und wirtschaftliche Hilfe ebenso wichtig seien. Er hält nichts von Alleingängen, möchte die Verbündeten stärker in die Pflicht nehmen, will nicht immer voranstürmen, sondern auch einmal, wie in Libyen, "von hinten führen".

Die Geschichte werde positiv über diese Präsidentschaft urteilen, glaubt Chollet. Und damit hat er wohl recht. Wenn die Welt auch im Jahr 2016 ein friedloser Ort ist, dann ist das am wenigsten die Schuld dieses Präsidenten. Barack Obama hat sein Land klug regiert. Wer zu Beginn nicht vollkommen überzogene Erwartungen hatte, muss ihm eine erfolgreiche Amtsführung attestieren. Es braucht nicht erst Donald Trump ins Weiße Haus einzuziehen, um diesen Präsidenten schon heute zu vermissen.