Wie viel Machtfülle dem US-Kongress zukommt, hat Barack Obama in den vergangenen Jahren deutlich zu spüren bekommen, seit sich der demokratische Präsident republikanischen Mehrheiten in Abgeordnetenhaus und Senat gegenübersieht. Vor allem der Senat ist machtvoll: Er muss allen Gesetzen zustimmen sowie der Ernennung der Minister und hoher Beamter. Das politische Schicksal der USA hängt also nicht nur am Staatsoberhaupt – auch wenn im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf das Duell Hillary Clinton gegen Donald Trump und besonders die Eskapaden des republikanischen Kandidaten die Schlagzeilen bestimmen.

Doch am 8. November wird nicht nur der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Barack Obama gewählt, sondern turnusgemäß werden auch 34 der 100 Sitze im US-Senat sowie alle 435 Sitze im Abgeordnetenhaus neu vergeben. Diese beiden Wahlen spielten lange eine untergeordnete Rolle, da alle Welt auf Trump und Clinton blickte und darüber hinaus im Kongress keine großen Überraschungen zu erwarten waren. Im Repräsentantenhaus haben die Republikaner eine solide Mehrheit, an der kaum jemand zweifelt; im Senat haben derzeit die Republikaner 54 der 100 Sitze.

Der Senat ist eine besondere Konstruktion: Er ist die nationale Repräsentanz der Bundesstaaten, mit jeweils zwei Senatoren aus den 50 US-Staaten. Kalifornien, das ungefähr so viele Einwohner hat wie Polen (und das Bruttoinlandsprodukt von Frankreich), ist hier also genauso stark vertreten wie Wyoming, das ungefähr so viele Einwohner zählt wie Luxemburg.

Der Verlust der republikanischen Mehrheit im Senat an die Demokraten ist zumindest möglich, und einige der Kandidaten der Republikaner, die sich einer Wiederwahl stellen, haben mittlerweile die Sorge, mit in die Negativspirale um den mehr als umstrittenen Kandidaten Trump gezogen zu werden. Denn für ihn läuft es gerade alles andere als gut – die meisten Umfragen sehen seine Kontrahentin Hillary Clinton mit mehr als zehn Prozentpunkten in Führung.

Schauen wir uns die Bundesstaaten, in denen es eng werden könnte, einmal genauer an: In zehn Staaten zeichnet sich – zumindest nach jetzigen Umfragen – ein engeres Rennen ab: Arizona, Florida, Illinois, Missouri, Nevada, New Hampshire, North Carolina, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin. Bis auf den Staat Nevada stellen die Republikaner in jedem Staat die Inhaber der zur Wahl stehenden Sitze. Mit anderen Worten: Möchten die Republikaner die Oberhand im Senat behalten, müssen sie die Hälfte der umkämpften Bundesstaaten für sich entscheiden. Und die Gretchenfrage wird in den nächsten Wochen sein: Müssen und können sich diese Kandidaten von Trump hinreichend distanzieren? Und tun sie das auch?

Immer mehr Stimmen gegen Trump aus dem eigenen Lager

Dass diese Frage schwierig ist, zeigt etwa der Fall des Senators John McCain, Präsidentschaftskandidat von 2008, Vietnamveteran und allseits hochgeschätztes Senatsmitglied seit 1987. Seine Skepsis gegenüber Donald Trump ist aktenkundig, doch trotz aller Auseinandersetzungen mit dem Spitzenkandidaten, der teilweise sogar persönlich wurde, unterstützt John McCain offiziell Donald Trump. Die Wähler, so seine Überlegung, möchten eine geeinte Partei.

Diese Meinung aber bröckelt gerade, und viele Kandidaten müssen nun entscheiden, ob sie Imageschäden in Kauf nehmen, weil sie Donald Trump zugeordnet werden, oder gegen ihren Spitzenkandidaten Wahlkampf machen, was ebenfalls hoch riskant ist. Denn das würde bedeuten, die Bürger eventuell zu einem Ticket-Splitting zu motivieren, also Hillary Clinton zu wählen und zugleich dem republikanischen Senatskandidaten ihre Stimme zu geben.

Trotz aller Bedenken ist klar: Es gibt erste klare Anzeichen für diese Strategie. Auf dem Nominierungsparteitag in Cleveland verweigerte Ted Cruz, der bis zuletzt stärkste innerparteiliche Konkurrent von Donald Trump, dem Kandidaten vor laufender Kamera und Millionenpublikum die Gefolgschaft. Das war der erste Paukenschlag, aber noch ein eher persönlich motivierter. Trump hatte Cruz im Wahlkampf hart attackiert. Anfang vergangener Woche aber sprach sich nun auch erstmals ein amtierender Senator öffentlich gegen Trump aus: Richard Hanna, Abgeordneter aus New York, hat erklärt, für Hillary Clinton stimmen zu wollen. Der überparteilich respektierte Abgeordnete Hanna hält Donald Trump für nicht geeignet.

Richard Hanna tritt dieses Jahr nicht noch einmal zur Wiederwahl an, Mike Coffman aber schon. Der republikanische Abgeordnete aus dem Bundesstaat Colorado wirbt aktiv in einem Werbevideo gegen den Präsidentschaftskandidaten der eigenen Partei. Das Video wird seit Freitag in den USA ausgestrahlt – auf Englisch und auf Spanisch, um auch die Hispanics, eine wichtige Wählergruppe, zu erreichen. Mit dem Blick direkt in die Kamera gerichtet sagt er: "Wissen Sie, die Leute fragen mich, was ich von Donald Trump halte. Ehrlich gesagt nicht viel."

Das ist eine klare Botschaft eines Parteikollegen und dürfte nicht spurlos am Trump-Wahlkampflager vorbeigehen. Und nun reiht sich auch die angesehene republikanische Senatorin aus Maine, Susan Collins, in die Gruppe der Gegner aus dem eigenen Lager ein. In einem Meinungsartikel in der Washington Post legt sie dar, warum sie Trump im November die Stimme verweigern wird: "Herr Trump ist ungeeignet für das Amt. Er behandelt andere nicht mit Respekt – ein Gebot, das in der Politik ebenso gilt wie anderswo ... Stattdessen verspottet er schwächere Mitglieder unserer Gesellschaft und schürt Vorurteile gegenüber Minderheiten."

In den erwähnten zehn Bundesstaaten liegen derzeit alle republikanischen Senatskandidaten in  den Umfragen besser als Trump. Aber der Wahlkampf hat erst angefangen, noch sind die Effekte von Trumps jüngsten Eskapaden und sein Einbruch in den Umfragen nicht überall angekommen – und damit wird der Druck auf die Senatskandidaten weiter steigen, sich von ihm zu distanzieren. Was es aber bedeuten würde, wenn ein Präsident Trump auf eine Parlamentsmehrheit träfe, die zwar seiner Partei angehört, ihn aber ablehnt, kann man sich bislang kaum ausmalen.