Mittlerweile verstehen sogar Donald Trumps Unterstützer kaum noch, was ihr Kandidat da eigentlich sagt, wenn er im Wahlkampf auf der Bühne steht. Als der Milliardär am Dienstag in North Carolina darüber fabuliert, dass nur Amerikas Waffenbesitzer Hillary Clinton noch aufhalten können, verliert ein älterer Herr im Publikum hinter ihm die Fassung. Ihm entgleiten die Gesichtszüge, fragend starrt er seine Sitznachbarin an. Hat Trump da eben seine Konkurrentin zum Abschuss freigegeben?

Niemals! So lautet die Antwort von Trumps Wahlkampfteam, die nur wenige Minuten später als E-Mail an Tausende Reporter verschickt wurde. Den ganzen Abend lang versuchen Mitarbeiter in den sozialen Medien und in TV-Interviews, seine Äußerungen zu relativieren. Trump hat eben einen Witz gemacht, wenn auch einen schlechten – das ist jetzt die Botschaft. Was war passiert?

In seiner Rede hatte Trump seiner Kontrahentin Clinton vorgeworfen, den zweiten Artikel der amerikanischen Verfassung abschaffen zu wollen. Der sichert jedem US-Bürger das Recht auf Waffenbesitz zu – und ist deshalb vor allem konservativen Amerikanern heilig. Sollte Clinton die Wahl gewinnen, so Trump, würde sie einen liberalen Verfassungsrichter einsetzen, der dann den Kauf von Schusswaffen verbietet. Niemand könne sie aufhalten. Sein entscheidender Satz: "Obwohl, die Zweiter-Artikel-Leute vielleicht doch, ich weiß nicht."

Außer dem alten Herrn im Publikum hatte offenbar kaum jemand im Saal verstanden, worauf Trump da angespielt hatte. Nur wenige Minuten später brach im Netz jedoch ein Shitstorm gegen den republikanischen Präsidentschaftskandidaten los. "Donald Trump schlägt vor, dass jemand Clinton umbringt. Wir müssen die Leute beim Wort nehmen", twitterte der demokratische Kongressabgeordnete Eric Swalwell nur wenige Minuten später – seine Parteikollegen äußerten sich ganz ähnlich.

Keine Entschuldigung von Trump

Auch das Team um Hillary Clinton meldete sich kurz darauf zu Wort. "Ganz einfach: Was Trump sagt, ist gefährlich. Jemand, der Präsident der Vereinigten Staaten sein will, sollte zu keiner Art von Gewalt aufrufen."

Trump macht es seiner Konkurrentin mit seiner im besten Fall unbedachten Äußerung sehr einfach – sie muss nicht einmal selbst zu seinen Worten Stellung nehmen und wirkt trotzdem überlegen. Dass Clinton sich tatsächlich nie für die Abschaffung des zweiten Verfassungsartikels ausgesprochen hat, sondern nur eine Verschärfung geltenden Rechts fordert, gerät in all dem Trubel fast zur Randnotiz.

Eine Entschuldigung war von Trump nicht zu hören. In einem Interview mit dem Sender Fox News sagte er später, er habe auf die Macht der Waffenrechtsbewegung Bezug genommen. Es gebe "keine andere Auslegung". Ein Sprecher Trumps sagte, die Unterstützer des Waffenrechts seien sehr motiviert und hätten eine immens einende Kraft, die ihnen zu großem politischen Einfluss verhelfe.

Was die NRA von ihm verlangt

Trumps Anspielung in North Carolina kommt für die republikanische Partei zur denkbar schlechtesten Zeit: In aktuellen Umfragen liegt er mit acht Prozentpunkten weit abgeschlagen hinter Clinton zurück. Schon nachdem er vergangene Woche die muslimische Familie eines gefallenen US-Veteranen beleidigt hatte, waren seine Parteikollegen öffentlich von ihm abgerückt – einige hatten sogar erklärt, bei der Wahl im Herbst für Clinton stimmen zu wollen. Noch zu Beginn der Woche hatte Trump mit einer Rede zur Wirtschaft des Landes versucht, seinen Wahlkampf wieder in die Spur zu hieven. Doch nur einen Tag später sorgt er mit seiner Rede erneut für Chaos innerhalb der Partei.

Dabei ist Trump nicht einmal ein knallharter Verfechter des zweiten Verfassungsartikels. In seinem Buch Das Amerika, das wir verdienen aus dem Jahr 2000 hatte er sich sogar für ein landesweites Verbot von Sturmgewehren stark gemacht. Im Wahlkampf wirbt er wohl vor allem deshalb für das "right to bear arms", weil es die konservative Wählerschaft der Republikaner von ihm verlangt. Auch die mächtige Waffenlobby NRA hatte Trumps Bekenntnis zum Recht auf Waffenbesitz zur Bedingung für ihre Unterstützung gemacht.