Folgt man dem Philosophen Baruch de Spinoza, so gibt es zwei Weisen, auf welche man sich komplexen Systemen annähern kann. Die erste betrachtet die Dinge im Geist der Vorläufigkeit (sub specie durationis), die zweite schaut auf sie von einer übergeordneten Warte aus (sub specie aternitatis). Das Vorläufige beschreibt die Tagespolitik, das Projekt, das am Laufen gehalten werden muss. Das Übergeordnete formuliert eine Idee, ein Utopia, das summum bonum.

Unter dem Gesichtspunkt der Vorläufigkeit ist Europa ein politisches Gebilde, seine öffentliche Verwaltung. Ein System, das wie alle Systeme auf den Erhalt seiner selbst gerichtet ist. Innovation ist der Feind, Beharrlichkeit siegt. Eine Verwaltung lebt von ihren eingespielten Abläufen, von Zuständigkeiten.


Europa als Utopie hingegen formuliert die Ideen, sorgt für Innovation und hält Schritt mit den Veränderungen, die die Zukunft bringen wird. Dabei hat es nichts anderes im Sinn als das Wohl der im Gemeinwesen Zusammengefassten.

Der Traum und der Bruch

Die Vision eines vereinten Europas ist nicht neu: Jahrhunderte bevor das Europa, das wir heute kennen, auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges und der Schoa aufgebaut wurde, hat Erasmus von Rotterdam diesen Traum  schon einmal geträumt. Die Völker der Alten Welt sollten vereint und verbunden werden im Geist eines christlichen Humanismus. Die Glaubenskriege der Reformation zerstörten sein Utopia. Und für mehr als ein Jahrhundert versank Europa in Chaos und Tod, bevor mit dem Frieden von Münster und Osnabrück ein Neuanfang möglich wurde; "etsi Deus non daretur", als ob Gott nicht existierte. Auch die neue Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg war so erfolgreich, weil sie das Heute und das Morgen – Projekt und Utopie – in hervorragender Weise miteinander verband.

Was heißt das konkret? Die Aussage, dass Völker, die eine gemeinsame Währung haben, nie wieder Krieg gegeneinander führen würden, ist so simpel wie wahr – auf der Projekt-, aber auch auf der übergeordneten Ebene. Deswegen war der Primat des Politischen in der Europäischen Union immer richtig und essenziell. Deswegen war der Euro richtig, auch wenn an seine konkrete Einführung noch viele in der Zukunft liegende Fragen, Utopien geknüpft waren. Das summum bonum war der Erhalt einer umfassenden Friedensordnung. Dieser Zweck hat alle Mittel geheiligt.

Künftige Historikergenerationen werden sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, wann die Verschränkung der beiden Weisen aufgebrochen wurde. Deutlich wird diese Entkoppelung der beiden Sphären vor allem in der Rhetorik, mit der die Europäische Union diskreditiert wird.

Gehässige Begrifflichkeiten

Wer "Begriffe besetzt", ein Ausdruck den Kurt Biedenkopf in seiner Zeit als Generalsekretär der CDU in den siebziger Jahren geprägt hat, der ist darauf aus, einen Diskurs zu gewinnen. Wenn der Begriff Projekt im Zusammenhang mit Europa benutzt wird, dann wird er von den EU-Gegnern zu einem Schimpfwort umfunktioniert.

Die Vorläufigkeit dieses Worts wird betont, das Ganze, das es mit dem Übergeordneten bildet, herabgesetzt und diskreditiert. Dabei sind die Vorläufigkeit, die Funktionalität, die Unaufgeregtheit einer öffentlichen Verwaltung genau das, was die Konfliktbeschleuniger Nation und Religion im Zaun gehalten hat. Überspitzt formuliert: Die Norm der Bananenkrümmung bringt den Frieden und schafft ihn nicht ab. Die Friedensordnung ist der Souverän Europas und nicht der Nationalstaat.

Aber die Populisten fürchten diesen Souverän. Ihnen ist die Union zu fade, da ist zu wenig Wumms dahinter: Deswegen wird die Gefahr des äußeren Feindes, des Islam, heraufbeschworen und die einzelne Nation und das Christentum als Bollwerke gegen ihn inszeniert. Da ist eine vermittelnde Kraft, eine säkulare und nüchterne Verwaltung nicht hilfreich.

Die verlorene Jugend

Die Jugend verstünde die europäische Erzählung nicht mehr, weil sie keinen Krieg erlebt habe, heißt es. Viel wahrscheinlicher ist, dass dieses Argument von denen ins Feld geführt wird, die an der überzeitlichen Gültigkeit des Narrativs rütteln wollen: denjenigen, die ihre knallharten Interessen durchsetzen wollen. Das trifft für alle neuen, rechten, populistischen Strömungen und Parteien zu. Jeder Erfolg hat viele Neider. Europa ist ein Erfolg, deshalb hat es Feinde, sowohl im Kreml als auch innerhalb seiner Grenzen. Richtig ist, dass es die Jugend heute schwerer hat als in den vorangegangenen Generationen. Und wenn in Ländern wie in Spanien die Jugendarbeitslosigkeit bei 50 Prozent liegt, dann ist das nicht hinnehmbar. Aber gleichzeitig ist auch wahr: Ein Ende der Friedensordnung brächte keinen Aufschwung. Und wie gerade am Falle des Brexit zu sehen ist: Die Europäische Union zu verlassen, bringt vor allem die Sorge vor wirtschaftlichen Nachteilen.