Nach dem Scheitern der von Russland und den USA vereinbarten Waffenruhe ist der Krieg in die umkämpfte syrische Stadt Aleppo mit aller Härte zurückgekehrt. Der syrische Machthaber Baschar al-Assad und sein Verbündeter Russland fliegen derzeit offenbar die heftigsten Luftangriffe seit Monaten auf Aleppo. Beobachtern zufolge werden bei den Angriffen auch Brandbomben eingesetzt. Besonders dramatisch ist die Situation für die Menschen im belagerten Ostteil der Stadt. Seit Wochen harren dort rund 300.000 Zivilisten aus, abgeschlossen von der dringend benötigten Versorgung mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Medikamenten und Strom. Ihre Lage scheint zunehmend aussichtslos. 

Anfang Februar hatte uns der syrische Journalist Zouhir al-Shimale aus dem von Rebellen kontrollierten Bezirk Saif al-Dola in Aleppo geschrieben. Seither stehen wir in regelmäßigem Kontakt. In den vergangenen Tagen hat er uns erneut eine lange E-Mail geschrieben, die wir hier veröffentlichen wollen. 

"Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Doch wir Menschen in Aleppo haben jetzt jede Hoffnung verloren.

Als bekannt wurde, dass Russland und die USA einen Waffenstillstand ausgehandelt haben, waren wir sehr erleichtert. Wir glaubten, dass es eine langfristige Lösung für uns geben könnte. Dass unser tägliches Leiden endlich ein Ende haben wird. Wir hofften, dass man nun die dringend benötigten Güter, Lebensmittel, Trinkwasser, Brennstoff, Medizin, zu uns bringen könnte. Wir hatten für einen kurzen Moment Hoffnung. Wir hätten es besser wissen müssen.

Der Journalist Zouhir al-Shimale © privat

Die ersten Nächte während der Waffenruhe waren ruhig. Zum ersten Mal seit Monaten fielen keine Bomben mehr auf unsere Viertel. Morgens sind die Leute mit ungläubigen Gesichtern auf die Straße gelaufen, fassungslos, dass wirklich Ruhe herrschte. Wir sind hier an die Instabilität gewöhnt, daran, dass alle Kriegsparteien, alle politischen Fraktionen, sich auf unsere Kosten bekämpfen. Daran, dass auch in kurzen Bombenpausen der nächste Gewaltausbruch nicht weit war. So ist es ja seit sechs Jahren.

In der vergangenen Woche aber versuchten die Menschen wirklich, an die Ruhe zu glauben. Sie gingen wieder auf die Straße, besuchten ihre Familien, kauften für Eid al-Adha, das islamische Opferfest, ein, trafen sich im Park. Unser Park ist zwar seit einem Bombenangriff zerstört, alles ist von Staub überzogen, die Spielgeräte der Kinder sind zerborsten.

Doch in diesen Tagen versammelten sich die Menschen dort, um an der frischen Luft zu sein, um wenigstens für ein paar Stunden so etwas wie Normalität zu erleben. Ihre Kinder sollten mal etwas anderes sehen als die üblichen Bilder von Leichen, Blut und Zerstörung. Sie hofften, dass der erste Schritt Richtung Frieden vollbracht sei.

Doch ihre Hoffnung wurde jäh zerstört. Die Waffenruhe hat nicht gehalten, vielmehr geht der Krieg mit aller Härte weiter. Am Montag haben syrische und russische Kampfjets gezielt jene Hilfskonvois bombardiert, die uns retten sollten. Jetzt bomben sie wieder, mehr als je zuvor. Wir liegen jede Nacht wach, weil über unseren Häusern Helikopter und Kampfflieger hinwegdonnern.

Es ist, als ob sie ihre gesamte Ladung, die sie in den Tagen der Waffenruhe zurückgehalten haben, nun gebündelt auf uns abwerfen. Allein gestern gab es im Minutentakt Angriffe auf Ost-Aleppo – auf gerade einmal 300.000 Menschen. Selbst jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, höre ich Bomben einschlagen.

Das ist ihre Strategie, Ost-Aleppo zurückzuerobern. Sie spekulieren darauf, dass wir, die letzten Bewohner, von hier fliehen oder sterben – damit sie die Kontrolle übernehmen können. Die Konfliktparteien begehen vor den Augen der Weltöffentlichkeit ein Kriegsverbrechen nach dem anderen. Sie wissen, dass sie das tun können. Denn niemand hält sie auf.