Nach der Duma-Wahl vor fünf Tagen konnte sich Wladimir Putin ganz gelassen in seinen Präsidentensessel fallen lassen. Das Wahlergebnis war für ihn ein Riesenerfolg. Trotz Wirtschaftskrise und Rubelverfall: Seine Partei Einiges Russland gewann die überwältigende Mehrheit der Sitze, die Scheinopposition holte den Rest, die wirkliche Opposition bekam noch nicht mal einen Sitz. Vor fast fünf Jahren folgten auf die Duma-Wahl Proteste, die ihn damals ganz alt und tief verunsichert aussehen ließen. Diesmal ist er der Held.

Jene im Westen, die schon mehrmals sein nahes Ende voraussagten, lagen also falsch. Proteste, Ukraine-Krieg, Wirtschaftskrise und Sanktionen – komme, was da wolle, Putin hält durch. Bedroht oder im Abgang begriffen sind heute vielmehr seine Konkurrenten im Westen.

Barack Obama tritt nach amerikanischem Brauch in wenigen Monaten ab. David Cameron hat sich mit dem verstümperten Brexit-Referendum selbst aus dem Amt geschossen. In Spanien haben zwei Wahlen keine Regierung ergeben. Putins Premium-Konkurrentin Angela Merkel musste in Landtagswahlen böse Niederlagen einstecken. Ihre Partei erodiert, derweil mit den Linken und der AfD zwei Pro-Kreml-Parteien bis zu ein Drittel der Stimmen holten.

Apologeten der harten Hand singen bei solchen Ergebnissen gern das Lied von der Stabilität: In einem autoritären System herrschten Klarheit und politische Berechenbarkeit. Russland brauche das. In der Demokratie aber komme es zu unangenehmen Überraschungen, zu Instabilität und zu Regierungsunfähigkeit. Sind autoritäre Regime wirklich krisenfester?

Das Argument ist alt, man kennt es aus den 1930er Jahren. Damals verfiel Europa dem Autoritarismus. Selbst wenn man die totalitären Exzesse von Stalin und Hitler beiseite lässt, dominierten autoritäre Herrscher in Mittel-, Süd- und Osteuropa. Frankreich, eines der wenigen demokratischen Länder, wirkte dagegen chaotisch und schwach.

Heute droht der demokratische Westen wieder in einer Phase der inneren Schwäche zu versinken. In den USA rüttelt Donald Trump am Zaun des Weißen Hauses. In vielen Ländern Europas erstarken Rechts- und Linkspopulisten – und machen das Regieren für Parteien der Mitte immer schwieriger. Komplizierte Koalitionen und entscheidungsschwache Kabinette werden die Folge sein oder gar keine Regierung wie in Spanien. Der Alptraum der Machtübernahme eines Radikalpopulisten lässt die anderen Parteien zusammenrücken und gemeinsam schrumpfen.

Zweifel haben den Westen befallen. Immer mehr Europäer finden die Ordnung des Kontinents und der Welt ungerecht. Sie fürchten Offenheit und Globalisierung. Sie projizieren ihre Ängste auf Flüchtlinge und Migranten aller Art. Sie sehen, dass Europa auf die Flüchtlingskrise keine Antwort findet. Und bei den Wahlen strafen sie die Regierungen dafür ab – egal, wie gut es ihnen persönlich gehen mag. An Frieden, Wohlstand und Reisefreiheit ohne Visum in Europa haben sich alle gewöhnt. Die Errungenschaften der EU gelten als gegeben, die Defizite aber als untragbar. Am Ende kann die Wut die heutigen Chefs der EU-Länder allesamt aus dem Amt treiben.

Putin, so scheint es, muss dagegen vor allem gesundheitlich durchhalten. Er pflegt sich durch ausreichend Schlaf, Konzentration auf das Wesentliche – die Außenpolitik und regelmäßigen Sport. Er dürfte Merkel & Co. im Amt überleben und wird zuschauen, wie sie alle gehen. Aber sein System ist damit noch nicht stabil.

Die süd- und osteuropäischen Regime des 20. Jahrhunderts liefern reichlich Beispiele, wie mit dem Herrscher gleich das System unterging: Mussolini in Italien, Franco in Spanien, Metaxas in Griechenland. Das ist die Schwäche der Autoritären. Auf die heutige Situation gewendet, heißt das: Wenn Merkel geht, bleibt die politische Ordnung. Wenn Putin geht, steht alles infrage.

Der Sieg bei der Duma-Wahl hat die Machtfrage noch einmal zugespitzt: auf Putin. Alles konzentriert sich in seiner Person. Diese Machtfülle aber lähmt das Land. Denn anders als in Europa, wo die Gesellschaft, wo Firmen, NGOs, Intellektuelle, Stiftungen, Verbände, Parteien und private Medien das System weiterentwickeln, hängt in Moskau alles von Putin ab. Der aber ist kein Freund von wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Strukturreformen. Obwohl er alle Macht hat, obwohl er sehr beliebt ist, hat er großen Respekt vorm Volk. Dass er im Parlament, in den Medien und in den Umfragen nicht mehr hören kann, was die Menschen wirklich bewegt, ist ein Nachteil gegenüber Merkel. Putin braucht ein neues Hörgerät.

Und so kündigt sich nun tatsächlich eine Strukturreform an. Der Kreml will die in den 1990er Jahren aufgeteilten Geheimdienste wie einst in der Sowjetunion zusammenlegen lassen. Ein neuer KGB namens MGB soll für dauerhafte Stabilität sorgen. Und für besseres Hören.